Anglo-Amerika und Kontinental-Europa — Folge 6: Leviathan und das Parlament

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Wer zähmt die Macht?

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In der letzten Folge ließ ich Magdeburg als Aschefeld liegen. 1631 hatten Tillys Truppen die reichste Stadt des deutschen Binnenlands ausgelöscht, fünfundzwanzigtausend Tote, die Stadt bis auf den Dom niedergebrannt.

Aus dieser Asche wuchs etwas. Es bestimmt bis heute, warum ein Deutscher und ein Amerikaner das Wort „Staat” mit verschiedenen Gefühlen in den Mund nehmen. Der eine denkt an Schutz, Ordnung, der andere an einen übergriffigen Staat.

Die Rechnung von Augsburg

Woher kam dieser Krieg?

Cuius regio, eius religio, die Formel von Augsburg 1555: Wessen das Land, dessen der Glaube. Das klang nach einer Lösung. Es war aber nur ein Waffenstillstand. Was geschah, wenn ein Fürst die Konfession wechselte? Was mit den Calvinisten, die in Augsburg gar nicht vorgesehen waren? Was in den Städten, in denen beide Bekenntnisse Tür an Tür wohnten? Diese offenen Fragen kamen zurück, zwei Generationen lang, in einem Land nach dem anderen. In Frankreich tobten ab 1562 die Hugenottenkriege, acht an der Zahl. Ihr Tiefpunkt war die Bartholomäusnacht 1572, als in Paris binnen Tagen Tausende Protestanten niedergemetzelt wurden. Erst Heinrich IV. beendete das Morden — selbst ein Hugenotte, der zum Katholizismus übertrat, weil „Paris eine Messe wert” sei, und der seinen alten Glaubensbrüdern 1598 mit dem Edikt von Nantes Schutz gewährte. Merken Sie sich dieses Edikt. Es wird in dieser Folge noch sterben. In den Niederlanden erhoben sich ab 1568 die protestantischen Nordprovinzen gegen das katholische Spanien, ein Krieg, der achtzig Jahre dauern und eine neue, kaufmännische Republik gebären sollte. Die merken Sie sich auch. Sie schickt 1688 einen König nach England. Und dann, 1618, der Funke. In Prag warfen protestantische Adlige zwei kaiserliche Statthalter aus dem Fenster der Burg. Die beiden überlebten, weil sie, je nach Quelle, in einem Misthaufen oder in der Gnade Gottes landeten; die Geschichte hat sich für den Misthaufen entschieden. Wichtiger als ihr Fall war, was er auslöste. Die konfessionelle Bruchlinie, die Luther aufgerissen und Augsburg notdürftig zugekleistert hatte, riss nun in ganzer Länge auf.

Die Schule des Schreckens

Der Krieg, der daraus wurde, dauerte dreißig Jahre. Er war ein Dauerzustand, der eine Generation verschlang. Söldnerheere zogen durchs Land, die sich selbst ernähren mussten, weil niemand sie bezahlte. Bellum se ipsum alet, der Krieg nährt sich selbst, hieß das Prinzip, und in der Praxis zahlte jedes Dorf doppelt, an Freund und Feind. Wallensteins Armee war ein wanderndes Wirtschaftssystem mit Piken. In manchen Landstrichen Mitteldeutschlands starb ein Drittel der Menschen, an Gewalt, mehr noch an Hunger und Pest.

Wer das überlebte, zog eine Lehre daraus. Es war nicht die Lehre von der Freiheit. Zwischen dir und dem nächsten Magdeburg steht nur eines: eine Macht, die stark genug ist, den Frieden zu erzwingen. Ein eigenes Heer, stehend, bezahlt, immer bereit. Eine Verwaltung, die Steuern eintreibt, ohne lange zu fragen. Ein Staat, der von oben befiehlt, weil das Chaos von unten gerade jeden umgebracht hat, den man kannte. Vielleicht ist das die Geburtsstunde des kontinentalen Reflexes, entstanden aus Erfahrungen.

Westfalen 1648 — der Friede der Fürsten

Der Westfälische Friede, ausgehandelt in Münster und Osnabrück, beendete das Sterben, beantwortete die Machtfrage auf kontinentale Weise: von oben. Rund dreihundert Reichsterritorien wurden als praktisch souverän anerkannt, mit dem Recht, Bündnisse zu schließen und Krieg zu führen. Der Kaiser blieb als Dach bestehen, aber das Dach trug nichts mehr. Man feierte das damals als „deutsche Freiheit”. Das war es auch, nur nicht für die, die man heute meint. Es war die Freiheit der Fürsten, nicht ihrer Untertanen. Cuius regio, eius religio wurde verlängert und um die Calvinisten erweitert. Wessen das Land, dessen der Glaube, und jetzt auch: dessen das Heer, dessen die Steuer, dessen das letzte Wort. Das Reich zersplitterte also nicht in Freiheit, sondern in lauter kleine Mächte. Jeder Fürst wollte nun sein eigenes Versailles, und sei es ein Versailles aus Backstein.

Die Armee, die sich einen Staat schuf

Brandenburg-Preußen war 1648 eher eine schlechte Idee auf der Landkarte: ein paar verstreute Flecken im norddeutschen Sand, ohne natürliche Grenzen, vom Krieg ausgeblutet. Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, regierte von 1640 bis 1688 und zog aus seiner Schwäche eine eiserne Konsequenz. Ein Land ohne Grenzen kann sich nur durch eines schützen: durch ein stehendes Heer. Also baute er eines, miles perpetuus, dauerhaft unter Waffen, auch im Frieden. Das war neu und teuer.

Teuer heißt: Steuern. Steuern bewilligten bisher die Stände, die Landtage des Adels und der Städte. Die aber wollten nicht. Also brach der Kurfürst sie, indem er ihn kaufte. Der Deal lautete: Ihr lasst mich Steuern für mein Heer eintreiben und mischt euch nicht ein, und dafür lasst ich euch auf euren Gütern schalten und walten, wie ihr wollt. Vor allem mit den Bauern.

Das Ergebnis war eine Verschmelzung von Krone und Junker, die Deutschland zwei Jahrhunderte prägen sollte. Der Adel wurde zum Offizierskorps und zur Gutsverwaltung des Staates; der Staat ließ dem Adel die Leibeigenen. Und so geschah östlich der Elbe genau das Gegenteil dessen, was westlich von ihr geschah. Erinnern Sie sich an Magdeburg an der Elbe, an „Stadtluft macht frei”, an den Leibeigenen, der hinter der Stadtmauer frei wurde? Westlich des Flusses lockerte sich die Hörigkeit. Östlich davon, in Brandenburg, Pommern, Ostpreußen, wurde sie in genau diesen Jahrzehnten fester. Historiker nennen es die „zweite Leibeigenschaft”, die Gutsherrschaft. Derselbe Fluss, zwei Richtungen. Auf der einen Seite die freie Stadt, auf der anderen das Rittergut.

Der Staat, der so entstand, hatte eine eigentümliche Schlagseite. Bei ihm kam nicht das Heer zum Staat, sondern eher der Staat zum Heer. Die Verwaltung wuchs, um die Armee zu versorgen; die Steuer floss, um die Armee zu zahlen; der Beamte existierte, damit der Soldat existieren konnte. Ein Jahrhundert später wird ein französischer Beobachter über das Preußen Friedrichs des Großen spotten, es sei nicht ein Staat, der eine Armee besitze, sondern eine Armee, die einen Staat besitze. Der Satz war 1688 im Rohbau fertig. 1701 setzte sich der Sohn des Großen Kurfürsten die Königskrone selbst aufs Haupt.

Versailles, oder die Zähmung des Adels

Frankreich beantwortete dieselbe Frage größer, glänzender und mit besserem Essen. Den Weg dorthin ebnete kein König, sondern ein Kardinal. Heinrich IV. war 1610 dem Dolch eines Fanatikers erlegen. Dann kam Richelieu. Als erster Minister Ludwigs XIII. tat er drei Dinge mit kalter Methode: Er zerschlug die politische und militärische Macht der Hugenotten, deren Festung La Rochelle 1628 nach monatelanger Belagerung fiel. Er zähmte den Adel, verbot die Duelle und ließ Trotzburgen schleifen. Und er machte den Willen des Königs zur einzigen Achse, um die sich alles drehte.

Hume, der das aus der Distanz eines Jahrhunderts betrachtete, hat es nüchtern bilanziert. Richelieu, schreibt er, habe seinen eigenen Herrscher in Abhängigkeit gehalten und zugleich den Thron erhöht. „Das Volk verlor zwar seine Freiheiten, gewann aber durch seine Verwaltung Bildung, Ordnung, Disziplin und Ansehen.” Er habe das wirre, ungenaue Regierungswesen, das Frankreich mit den übrigen europäischen Königreichen teilte, „in eine schlichte Monarchie verwandelt — und das genau zu der Zeit, als die Unfähigkeit Buckinghams den freien Geist des Unterhauses ermutigte, in England ein geordnetes System der Freiheit zu errichten.”

Das ist der ganze Fork in einem Satz, und ausgerechnet ein Schotte hat ihn geschrieben. Zur selben Zeit, mit derselben Druckpresse, denselben Kriegen, demselben römischen Erbe: hier die schlichte Monarchie, dort das System der Freiheit. Und Hume verkitschte es nicht. Der Absolutismus nahm die Freiheiten und gab Ordnung, Disziplin, Ansehen. Für Menschen, die Magdeburg im Gedächtnis trugen, war das kein schlechtes Geschäft.

Frankreich bekam seine Probe aufs Exempel. 1648, im selben Jahr wie der Westfälische Friede, erhoben sich die Pariser Gerichtshöfe und ein Teil des Adels gegen die Krone, die Fronde. Der eine Moment, in dem Frankreich tat, was England tat: Eliten lehnten sich gegen den König auf. Es scheiterte, weil die aufständischen Gerichtshöfe und die aufständischen Fürsten sich nie zu einer gemeinsamen Front zusammenfanden und weil das Land, des Chaos überdrüssig, am Ende den starken König zurückwollte. Der junge Ludwig XIV. floh als Kind in einer Nacht aus dem aufrührerischen Paris, und er hat es nie vergessen. Die Lehre, die er zog, war die genaue Umkehrung der englischen. Nie wieder durfte Paris Macht haben, nie wieder der Adel. Von 1661 an regierte er selbst, ohne ersten Minister, und ab 1682 von einem Ort aus, der eigens dafür gebaut war: Versailles.

The castle around 1668. Oil painting by Pierre Patel, public domain
Das Schloss um 1668. Ölgemälde von Pierre Patel, gemeinfrei,https://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Versailles#/media/Datei:Chateau_de_Versailles_1668_Pierre_Patel.jpg

Der Trick war genial und ein bisschen lächerlich zugleich. Ludwig lud den hohen Adel ein, bei ihm zu wohnen, und verwandelte ihn dort in Hofstatisten, die darum wetteiferten, wer dem König morgens das Hemd reichen durfte. Wer auf seinem Landgut blieb, war von der Quelle aller Gnaden abgeschnitten. Wer kam, gab seine Selbständigkeit an der Garderobe ab. Ein Adel, der sich um das Privileg prügelt, einen Kerzenleuchter halten zu dürfen, plant keine Fronde mehr. Es war ein vergoldeter Käfig, und sie drängten sich hinein.

Im Maschinenraum baute Colbert den Rest: eine merkantilistische Wirtschaftslenkung, königliche Manufakturen, eine Flotte, Intendanten als Statthalter der Krone in den Provinzen, das größte Heer Europas. Der Staat konnte jetzt alles. Und um zu beweisen, dass er alles konnte, tat er 1685 etwas Dummes. Ludwig hob das Edikt von Nantes auf und verbot den Protestantismus. Rund zweihunderttausend Hugenotten flohen, und sie waren nicht irgendwer, sondern Handwerker, Kaufleute, Fachleute. Sie gingen in die Niederlande, nach England und, mit offenen Armen empfangen, nach Brandenburg-Preußen, das sie mit dem Edikt von Potsdam geradezu einlud. Frankreich verschenkte sein eigenes Können an genau die Rivalen, die es am meisten fürchten musste. Die Stärke des absolutistischen Staates war, dass niemand nein sagen konnte. Sein Verhängnis war dasselbe.

Leviathan — die Theorie von oben

Während der Kontinent den Staat von oben baute, schrieb ausgerechnet ein Engländer seine bislang klarste Rechtfertigung. Thomas Hobbes saß im Pariser Exil, während daheim der Bürgerkrieg tobte, und 1651 erschien sein Leviathan. Hobbes stellte eine einfache, schreckliche Frage: Wie sähe das Leben ohne Staat aus? Seine Antwort war der Naturzustand, der Krieg aller gegen alle, in dem das Leben „einsam, armselig, ekelhaft, tierisch und kurz” ist. Aus Angst vor diesem Zustand schließen die Menschen einen Vertrag: Sie übergeben ihre Rechte einem Souverän, dem Leviathan, und bekommen dafür das Einzige, was zählt. Sicherheit. Dieser Souverän muss absolut sein und ungeteilt, denn eine geteilte Macht ist eine halbe Macht, und eine halbe Macht ist die Tür zum Bürgerkrieg. Man kann Hobbes als Hofschranze abtun, aber das wäre falsch. Er schmeichelte keinem König; er argumentierte aus dem Entsetzen. Er hatte den englischen Bürgerkrieg vor Augen und vom deutschen gehört. Seine Logik: Lieber ein Leviathan als tausend Messer. Und der halbe Kontinent lebte genau das, ohne Hobbes je gelesen zu haben. Versailles war der Leviathan in Seide.

Englands Gegenweg — der König unter dem Beil

Die Stuarts wollten, was Ludwig hatte. Das war ihr gutes Recht und ihr Verhängnis. Jakob I., der 1603 aus Schottland auf den englischen Thron kam, war ein Theoretiker des Gottesgnadentums; er schrieb Bücher darüber, dass Könige von Gott eingesetzt und niemandem als ihm Rechenschaft schuldig seien. Sein Sohn Karl I. meinte es ernst. Elf Jahre lang, von 1629 bis 1640, regierte er ohne Parlament und trieb Geld mit Mitteln ein, die hart an der Grenze des Rechts lagen. Er wollte sein England von oben. Nur fehlte ihm beides, was Ludwig hatte: kein Versailles und kein stehendes Heer. Und als er Geld für einen Krieg brauchte, die Schotten hatten sich gegen seine Kirchenpolitik erhoben, saß er in der Falle. Für neue Steuern brauchte er das Parlament. Und das Parlament, einmal einberufen, stellte Forderungen. Wer den Geldbeutel hält, hält am Ende den König. 1640 musste Karl es zurückrufen, und dieses Lange Parlament war nicht gekommen, um zu gehorchen. 1642 brach der Bürgerkrieg aus. Parlament gegen Krone, Rundköpfe gegen Kavaliere, und aus dem Chaos stieg ein Mann auf, der den Krieg als Erster wie ein modernes Handwerk betrieb: Oliver Cromwell, mit seiner disziplinierten New Model Army. Karl verlor, wurde gefangen, vor Gericht gestellt, und am 30. Januar 1649 geschah das, was auf dem Kontinent buchstäblich undenkbar war. Hume beschreibt es ohne ein Gramm Pathos. „Mit einem Schlag wurde sein Kopf vom Rumpf getrennt.” Ein Vermummter hielt ihn hoch und rief: „Dies ist der Kopf eines Verräters!” Eine Nation hatte ihren König vor ein Gericht gestellt und per Urteil geköpft.

The Beheading of Charles I in a Contemporary German Print Public Domain, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6368163
Die Enthauptung Karls I. in einem zeitgenössischen deutschen DruckGemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6368163

Hier muss man aufpassen, dass man nicht in die Whig-Falle tappt und das „von unten” zum Engelschor verklärt. Dasselbe Parlament hatte zuvor zwei Männer per Justizmord beseitigt, den Minister Strafford und den greisen Erzbischof Laud, gegen jedes ordentliche Recht. Hume, der Skeptiker, hat die Lehre kühl gezogen: Volksversammlungen seien durch ihre schiere Zahl der Scham weitgehend entzogen, und „wenn sie auch die Schranken des Gesetzes überspringen, brechen sie naturgemäß in Akte der größten Tyrannei und Ungerechtigkeit aus.” Das „von unten” konnte selbst zur Tyrannei werden. Und es wurde es. Die Republik kippte binnen weniger Jahre in eine Militärdiktatur. Cromwell regierte als Lordprotektor, ließ das Land von Generälen verwalten, schloss die Theater, und die Schwärmer, die mit Gottes Wort in den Krieg gezogen waren, hofften nun, wie Hume spöttisch notiert, „mit dem Schrecken des Schwertes der widerstrebenden Nation ein vollkommeneres System der Freiheit aufzuzwingen.” Freiheit mit dem Schwert, von oben verordnet. Der englische Weg zur Freiheit führte zuerst durch einen Königsmord und eine Junta. 1660 rief die erschöpfte Nation den Sohn des geköpften Königs zurück.

1688 — die Balance hält

Es hätte hier enden können, mit einer Restauration und einem England, das doch noch auf die kontinentale Bahn einschwenkt. Es kam anders. Karl II. regierte geschickt und im Geheimen mit Ludwig XIV. im Bunde. Sein Bruder Jakob II. aber, ab 1685, war offen katholisch und ungeschickt dazu. Er versuchte, per königlichem Machtwort Gesetze außer Kraft zu setzen und Katholiken in Ämter zu bringen. Solange er kinderlos schien, biss man die Zähne zusammen und wartete auf seine protestantische Tochter. Als ihm im Juni 1688 ein katholischer Sohn geboren wurde, kippte die Stimmung. Was die englische Elite dann tat, war kühl und beispiellos. Sie lud sich einen neuen König ein. Wilhelm von Oranien, Statthalter der Niederlande, Protestant, verheiratet mit Marie, der protestantischen Tochter Jakobs, erhielt eine förmliche Einladung führender Männer beider Parteien. Hier schließt sich ein Kreis: Die Niederländische Republik, dieses kaufmännische, föderale, vergleichsweise tolerante Gegenmodell zu Versailles, lieferte England seinen Retter. Wilhelm landete im November 1688 mit einem Heer, und Jakob verlor die Nerven. Er floh nach Frankreich und warf auf dem Weg, einer hübschen Anekdote zufolge, das große Staatssiegel in die Themse, als ließe sich der Staat abschalten, indem man seinen Stempel ertränkt. In England fiel dabei kaum ein Schuss. (In Schottland und Irland sah das blutiger aus; die Iren bezahlen für 1688 bis heute.) Im Frühjahr 1689 trat eine Versammlung zusammen, erklärte den Thron für verwaist und bot ihn Wilhelm und Marie an, aber unter Bedingungen. Diese Bedingungen, die Bill of Rights von 1689, sind das eigentliche Denkmal. Kein stehendes Heer im Frieden ohne Zustimmung des Parlaments. Keine Steuer ohne das Parlament. Freie Wahlen, freie Rede im Parlament, häufige Parlamente, kein königliches Aussetzen der Gesetze. Dazu das Toleranzgesetz von 1689, das den protestantischen Dissentern den Gottesdienst erlaubte. Den Katholiken nicht, man bleibe ehrlich. Die Krone saß von nun an unter dem Gesetz, nicht über ihm. Im selben Jahr lieferte ein Philosoph die Begründung nach. John Locke veröffentlichte seine Zwei Abhandlungen über die Regierung. Sie sind die genaue Gegenrede zu Hobbes. Wo Hobbes die Macht nach oben gab, leitet Locke sie von unten her: Regierung beruht auf der Zustimmung der Regierten, der Mensch hat natürliche Rechte auf Leben, Freiheit und Eigentum, und ein Herrscher, der das Vertrauen bricht, darf abgesetzt werden. Dieselbe Frage wie bei Hobbes, die entgegengesetzte Antwort. England hat die Frage nicht überschlagen, sondern ausgetragen, Hobbes gegen Locke, und sich am Ende für Locke entschieden. Der Kontinent lebte Hobbes, ohne zu wählen. Warum gelang England, woran Karl I. gescheitert war und was die Fronde in Frankreich nicht zustande gebracht hatte? Nicht, weil die Engländer von Natur aus freier gewesen wären. Sondern weil sie hatten, was der Kontinent verloren hatte: ein nationales Parlament mit der Hand am Geldbeutel und ein nationales Common Law. Frankreich und Preußen zähmten ihren Adel, der eine in Versailles, der andere mit dem Pakt über die Bauern. Englands Landadel aber saß zusammen in einer einzigen Kammer, die man nicht Schloss für Schloss einzeln kaufen konnte. Die zersplitterten Freiheiten des Kontinents ließen sich nacheinander überrollen. Die gebündelte Freiheit Englands hielt.

Nicht besser, sondern anders

Humes Geschichte Englands endet 1688, mit der Vertreibung Jakobs II. Die Folgen schreiben wir weiter, aber Hume legt hier die Feder nieder. Er war kein Whig-Jubler. Sein Karl I. ist kein Tyrann und kein Märtyrer, sondern eine Tragödie des Zeitpunkts. Karl, schreibt Hume, sei „ein guter, nicht ein großer Mann” gewesen, „geeigneter, in einer geregelten, gefestigten Regierung zu herrschen, als den Übergriffen einer Volksversammlung nachzugeben oder ihre Ansprüche endgültig zu brechen.” Und dann der Satz, der die ganze Reihe trägt: „Wäre er als absoluter Fürst geboren worden, hätten seine Menschlichkeit und sein Verstand seine Regierung glücklich gemacht; wären die Schranken der königlichen Vorrechte zu seiner Zeit fest und sicher gewesen, hätte seine Redlichkeit die Grenzen der Verfassung als heilig geachtet. Unglücklicherweise warf ihn sein Schicksal in eine Zeit”, in der nichts davon feststand. Ein anständiger Mann, zwischen einer alten und einer neuen Ordnung zerrieben. Die Freiheit, sah Hume, entstand nicht aus einem edlem Plan.

Versailles schenkte Frankreich ein Jahrhundert der Brillanz, einen rationalen, zentralen Staat, eine Sprache und einen Geschmack, die ganz Europa nachahmte. Der Absolutismus brachte Ordnung nach dem Grauen. Englands Weg war blutiger: ein geköpfter König, eine Militärdiktatur, am Ende ein importierter Fürst. Seine Freiheit galt den Besitzenden, schloss die Katholiken aus und schickte sich gerade an, sich ein Sklavenimperium zu bauen, dessen moralischen Schatten diese Reihe noch einlösen wird.

Nicht besser. Anders. Der Kontinent hatte im großen Krieg gelernt, dass Ordnung von oben kommen muss, sonst kehrt das Chaos zurück. England lernte an seinen Stuarts das Gegenteil, ebenso bitter: Eine Macht, die niemand von unten bindet, wird früher oder später zur Tyrannei. Beide hatten recht, jeder mit seiner Hälfte der Wahrheit, und das Jahrhundert ließ jede Seite ihren Preis dafür zahlen.

Auf dem Kontinent gewann der Staat, und er würde das nächste Jahrhundert damit verbringen, sich zu vervollkommnen. Auf der Insel wurde der Staat ins Geschirr gespannt, und sie würde das nächste Jahrhundert damit verbringen, darüber zu streiten, wie fest man anziehen darf. Dieser Streit, geführt von Humes eigener Generation, in Kaffeehäusern und Hörsälen von Edinburgh bis Philadelphia, ist die nächste Folge.

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Quellen und Belege

Primärquellen – David Hume, The History of England, Bd. zur Regierung Karls I. (1625–1649), Erstausgabe 1754 — alle Hume-Zitate dieser Folge daraus (Richelieu-Charakteristik; Charakter Karls I.; Hinrichtung; Strafford/Laud; Schwärmerei der Versammlung) – Thomas Hobbes, Leviathan (1651) – John Locke, Two Treatises of Government (1689) – Bill of Rights (1689); Toleration Act (1689)

Sekundärliteratur und Belege – Zu den Religionskriegen 1555–1618: französische Hugenottenkriege (Bartholomäusnacht 1572; Edikt von Nantes 1598), niederländischer Aufstand (ab 1568), Prager Fenstersturz 1618 – Zum Dreißigjährigen Krieg und zum Westfälischen Frieden 1648: Peter H. Wilson, Europe’s Tragedy (2009) – Zu Brandenburg-Preußen, dem Großen Kurfürsten und der Gutsherrschaft östlich der Elbe („zweite Leibeigenschaft”): Christopher Clark, Iron Kingdom (2006); das Mirabeau zugeschriebene Diktum („eine Armee, die einen Staat besitzt”) bezieht sich auf das Preußen Friedrichs des Großen, ~1788 – Zu Richelieu, der Fronde, Ludwig XIV. und Versailles; Aufhebung des Edikts von Nantes 1685 und Hugenotten-Emigration (Edikt von Potsdam 1685) – Zum englischen Bürgerkrieg, Königsmord (30. Januar 1649), Protektorat Cromwells, Restauration 1660 und zur Glorious Revolution 1688/89 – Zur staatstheoretischen Gabel Hobbes ↔ Locke (Souveränität von oben gegen Konsens von unten)

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