Anglo-Amerika und Kontinental-Europa — Folge 9: Der Mann, der jeden Bürger erreichte

Avatar von Andreas Paul John

Philosophie für den Bürger, nicht für die Zunft.

1739 veröffentlichte ein achtundzwanzigjähriger Schotte ein Buch, das die gesamte Philosophie auf ein neues Fundament stellen wollte: A Treatise of Human Nature, drei Bände. Heute gilt es als eines der bedeutendsten philosophischen Werke der Geschichte. Damals bemerkte es so gut wie niemand.

Hume selbst hat den Misserfolg später mit dem grausamsten Satz beschrieben, den ein Autor über sein eigenes Buch finden kann. Es sei „totgeboren aus der Presse gefallen”, schrieb er, „ohne auch nur so viel Aufsehen zu erregen, dass es ein Murren unter den Eiferern gegeben hätte”.

David Hume by Allan Ramsay, 1754. National Galleries of Scotland, public domain. — “Where men are the most sure and arrogant, they are commonly the most mistaken, and have there given reins to passion, without that proper deliberation and suspense, which can alone secure them from the grossest absurdities.”
David Hume by Allan Ramsay, 1754, National Galleries Scotland, Public Domain: “Wo Männer sich am sichersten und arrogantesten fühlen, irren sie gewöhnlich am meisten; dort haben sie ihren Leidenschaften freien Lauf gelassen, ohne jene gebotene Besonnenheit und Zurückhaltung, die sie allein vor den gröbsten Absurditäten bewahren kann.”

Ein anderer wäre verbittert. Hume zog eine Lehre, nicht die Ideen waren falsch gewesen. Falsch war die Form. Wer gehört werden will, muss so schreiben, dass man ihn lesen mag. Hume hörte auf, für die Zunft zu schreiben, und fing an, für den Bürger zu schreiben, im Essay. Genau das tut heute, wer einen Blog oder einen Substack schreibt, um am Universitätsjargon vorbei den Leser direkt zu erreichen. Hume erfand diese Bewegung vor zweihundertachtzig Jahren.

Ciceros Schüler

Das Vorbild fand er in der Antike. Als Jugendlicher hatte Hume Ciceros De Officiis mit einer Hingabe gelesen, die ihn nie mehr losließ. Cicero war der Mann gewesen, der die griechische Philosophie für die gebildeten Römer übersetzt hatte, nicht in der Sprache der Schule, sondern in der eines Staatsmannes, der gut schreibt. Genau das wollte Hume im Englischen werden.

Also hörte er auf, Traktate zu verfassen, und fing an, Essays zu schreiben. Ab 1741 erschienen sie, über Politik, Handel, Geschmack, Moral, die Pressefreiheit, die Künste, in maßvoller Länge, mit einer klaren Hauptthese, in einer einzigen Sitzung lesbar. Er nannte sein Publikum die „conversible world”, die Welt der Gesprächsfähigen, im Unterschied zur „learned world”, der Gelehrtenstube. Er verstand sich, schrieb er, als Botschafter zwischen beiden. Die Philosophie sollte aus dem Seminar heraus, an den Kaffeehaustisch – in Glasgow auch in Tavernen, Austernkellern und Klubs.

Wer für den Bürger schreibt, behauptet damit etwas: dass die wichtigsten Fragen allen gehören, nicht einer Zunft. Klarheit war für Hume eine Form von Demokratie.

Die History, die siegte

Den Beweis lieferte sein größtes Werk, und es war, was kaum jemand vom größten Skeptiker der Philosophie erwartet hätte, ein Geschichtsbuch. Humes The History of England, sechs Bände zwischen 1754 und 1761, wurde der Bestseller des Jahrhunderts.

Er schrieb sie rückwärts. Erst die Stuarts, weil deren Verfassungsstreit politisch noch brannte; dann zurück über die Tudors bis zu Cäsars Landung. Und er schrieb erzählerisch, abgewogen, für den Leser, nicht für den Fachmann. Das Werk machte ihn reich und unabhängig, etwas, das ihm kein Lehrstuhl je gegeben hatte. Ein Jahrhundert lang war es die Geschichte Englands, in jedem gebildeten Haushalt, von Paris bis Philadelphia.

Und es war unparteiisch, auf eine Art, die beide Seiten ärgerte. Hume weigerte sich, die Whig-Heldenlegende mitzuschreiben, nach der 1688 der vorhersehbare Sieg der Freiheit gewesen war. Er behandelte Karl I. als Menschen (Folge 6), misstraute der puritanischen Schwärmerei und sah in der Geschichte nicht den Marsch eines Plans, sondern Zufall, Charakter und langsam gewachsene Sitten. Die Whigs schimpften ihn einen Tory, die Tories trauten dem Atheisten nicht. Genau dazwischen wollte er stehen.

Warum er es konnte

Hier kommt die unbequeme Frage. Hume war ein offener Religionsskeptiker in einem frommen Jahrhundert. Warum verstummte er nicht? Warum landete er nicht im Exil oder im Kerker?

Weil ihn niemand zwingen konnte. Die Kirche von Schottland hat es versucht; sie verweigerte ihm zweimal einen Lehrstuhl, in Edinburgh 1745 und in Glasgow 1751, und betrieb beinahe seine Exkommunikation. Aber das war auch alles, was sie vermochte. Eine Vorzensur gab es nicht mehr; das englische Lizenzgesetz war 1695 ausgelaufen. Es gab keine Staatsmacht, die einem Privatmann die Feder verbot. Hume verlor ein paar Posten und schrieb einfach weiter, wurde berühmt und wohlhabend, ohne je eine akademische Stelle besessen zu haben.

Man halte daneben, was demselben Mann auf dem Kontinent geschehen wäre, und man muss nicht spekulieren, denn das Gegenbeispiel sitzt in Königsberg. Immanuel Kant, vielleicht der größte Philosoph, den Deutschland hervorbrachte, verließ seine Heimatstadt sein Leben lang nicht. 1794 erhielt er von König Friedrich Wilhelm II. einen offiziellen Verweis wegen seiner Schriften über die Religion und musste schriftlich versprechen, über das Thema zu schweigen. Er hielt sich daran, bis der König tot war. Der freie Geist des Kontinents arbeitete unter Aufsicht.

Hume erreichte jeden Bürger nicht nur, weil er gut schrieb, sondern weil eine Gesellschaft ihn ließ. Der zugängliche Essay braucht die freie Presse.

Der Mann, der Kant weckte

Und doch reichte der Schotte bis nach Königsberg. Kant hat es selbst bekannt, in einem der berühmtesten Sätze der Philosophiegeschichte: Die Erinnerung an David Hume sei es gewesen, die ihm „vor vielen Jahren zuerst den dogmatischen Schlummer unterbrach”. Humes nüchterne Frage, ob die Vernunft wirklich beweisen kann, was sie zu beweisen vorgibt, ließ Kant nicht mehr los.

Hier liegt eine kleine Komödie der zwei Traditionen. Hume stellte die Frage auf wenigen klaren Seiten, die jeder lesen konnte. Kant antwortete mit der Kritik der reinen Vernunft, achthundert Seiten, durch die sich seit zweihundert Jahren die Doktoranden quälen, ein Bauwerk von solcher Tiefe und solcher Undurchdringlichkeit, dass Kant selbst eine kürzere, „leichtere” Fassung nachschieben musste, die auch nicht half. Derselbe Gedanke, zwei Stile. Der eine schreibt für den Bürger, der andere für das Seminar. Prosa von unten, Prosa von oben.

In Kants Kathedrale stecken Gänge, die Humes heller Essay nie betritt. Aber die Frage dieser Reihe ist, wessen Gedanken in die Hände der Bürger kamen. Humes kamen an. Er wurde gelesen, in der Kutsche, im Klub, in den Kolonien.

Le bon David

In Paris, wo Hume von 1763 bis 1766 an der britischen Botschaft saß, war er der Liebling der Salons; die Französinnen, die seinen schweren schottischen Akzent und seine massige Gestalt eigentlich hätten komisch finden müssen, nannten ihn zärtlich le bon David, den guten David. Er war heiter, gesellig, ohne Bitterkeit, einer, dem die verweigerten Lehrstühle und der Vorwurf des Atheismus nie den Humor verdarben.

Eine Episode zeigt das Format im Gegenlicht. 1766 nahm Hume sich des heimatlosen Jean-Jacques Rousseau an, der, aus Frankreich und aus Genf vertrieben, durch Europa irrte. Hume holte ihn nach England, besorgte ihm ein Haus und eine königliche Pension. Innerhalb von Monaten überzeugte sich Rousseau, das ganze Asyl sei eine Verschwörung, Hume ein Verräter, der ihn ruinieren wolle, und überzog ihn mit Anklagen. Hume, fassungslos, hielt den Genfer für einen weit größeren Schriftsteller als Denker; der eine bestand aus Empfindung und Misstrauen, der andere aus Gelassenheit und Maß. Zwei Temperamente, die nicht zueinanderfanden, lange bevor ihre Ideen in zwei verschiedenen Revolutionen enden sollten, 1776 und 1789.

Rousseau in Armenian dress in England, portrait by the Scottish painter Allan Ramsay, 1766. Public domain, via Wikimedia Commons
Rousseau in armenischer Tracht in England, Porträt des schottischen Malers Allan Ramsay, 1766- http://www.hss.ed.ac.uk/Postgraduate/RtoE/Applying.htm, Bild-PD-alt, https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=4254682

Am eindrücklichsten war sein Ende. Hume starb 1776 ruhig, heiter, scherzend, ganz ohne die Tröstungen der Religion, die er nie gebraucht hatte. Sein Freund Adam Smith beschrieb diesen gottlosen, gefassten Tod in einem öffentlichen Brief und schloss, er habe Hume stets für einen Mann gehalten, der „der Idee eines vollkommen weisen und tugendhaften Menschen so nahe kam, wie es die menschliche Gebrechlichkeit vielleicht erlaubt”. Das war beinahe ein Skandal. Dass einer ohne Glauben gut leben und gut sterben konnte, brachte die Frommen mehr auf als jedes Argument. Smith sagte später, dieser eine Brief habe ihm mehr Feindschaft eingetragen als sein ganzes übriges Werk.

Nicht besser, sondern anders?

Die kontinentale Tradition ehrte das schwere, das systematische, das professorale Buch; Tiefe maß sich an der Mühe, die es kostete. Die angloschottische ehrte die Klarheit, den Aufsatz, den Leser, der kein Spezialist ist. Kant baute das System, Hume schrieb den Essay.

Für eine freie Gesellschaft ist der Unterschied nicht klein. Eine Ordnung von unten lebt davon, dass ihre Bürger die Gedanken in der Hand halten, die sie regieren. Hume legte sie ihnen dorthin. Er ist der Schutzpatron jedes Schreibers, der lieber verstanden als bewundert werden will.

Und seine Gedanken starben nicht mit ihm. Sie überquerten den Atlantik, in den Koffern junger Schotten, in die Bibliothek eines Colleges in New Jersey, an den Tisch einer Versammlung, die 1787 eine Verfassung schrieb. Wie aus dem schottischen Skeptiker ein amerikanischer Gründungstext wurde, die Brücke nach Princeton, ist die nächste Folge.

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Quellen und Belege

Primärquellen – David Hume, My Own Life (1777) — „It fell dead-born from the press”; die Cicero-Prägung; die History als Bestseller – David Hume, A Treatise of Human Nature (1739/40); Essays, Moral and Political (ab 1741); The History of England (1754–1761) – Adam Smith, Letter to William Strahan (1776) — Hume kam „as nearly to the idea of a perfectly wise and virtuous man, as perhaps the nature of human frailty will permit” – Immanuel Kant, Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik (1783) — die Erinnerung an Hume habe ihm „den dogmatischen Schlummer” unterbrochen

Sekundärliteratur und Belege – Zu Humes verweigerten Lehrstühlen (Edinburgh 1745, Glasgow 1751) und zum Auslaufen der Vorzensur in England (Licensing Act, 1695) – Zu Kants offizieller Ermahnung durch Friedrich Wilhelm II. (1794) und seinem Schweigen über die Religion bis zum Tod des Königs (1797) – Zur Cicero-Prägung (De Officiis; De Natura Deorum als Modell der posthum 1779 erschienenen Dialogues Concerning Natural Religion) – Zu Paris, „le bon David” und der Rousseau-Episode 1766 (Hume hielt Rousseau für den größeren Schriftsteller, nicht Denker) – Zur Unparteilichkeit der History (Kritik von Whigs wie Tories)

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