Anglo-Amerika und Kontinental-Europa — Folge 7: Athen am Rande des Empire

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Die Aufklärung von unten.

Im April 1764 ärgerte sich Voltaire über Schottland.

In der Gazette littéraire de l’Europe, einem Blatt, das er unterstützte und für das er schrieb, erschien anonym eine Spitze, die ihm gut zuzutrauen ist. Anlass war ein Buch des schottischen Richters Lord Kames, der es gewagt hatte, die französischen Klassiker, Voltaires eigene Tragödien eingeschlossen, als regelverliebt und blutleer abzutun. Voltaire revanchierte sich: „Es ist eine bewundernswerte Wirkung des Fortschritts des menschlichen Geistes, dass uns heute aus Schottland die Regeln des Geschmacks in allen Künsten zukommen, vom Epos bis zur Gartenkunst.”

Der oberste Schiedsrichter des europäischen Geschmacks fand die Vorstellung absurd, dass ausgerechnet das raue, arme Schottland den Parisern erklären wollte, was Kunst sei. „Vom Epos” zielte auf die schottischen Gelehrten, die gerade die gefälschten Ossian-Gedichte zum neuen Homer ausriefen. „Bis zur Gartenkunst” zielte auf Kames’ langes Kapitel über Landschaftsgärten, und für den Schlossherrn von Ferney, der stolz seine eigenen Beete pflegte, war es der Gipfel der Anmaßung, sich von einem schottischen Juristen das Gärtnern erklären zu lassen.

Statue of Voltaire at Ferney, 1890, sculptor Émile-Placide Lambert (1828–1897). Photo: Brücke-Osteuropa, own work, CC0, via Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22669379)

Statue von Voltaire in Ferney, 1890, Bildhauer: Émile-Placide Lambert (1828–1897), von Brücke-Osteuropa – Eigenes Werk, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22669379

Hinter Voltaires Gift steckte eine Tatsache, die er nicht leugnen konnte: In Schottland war etwas passiert. Ein kaltes, calvinistisches Land mit kaum mehr als einer Million Menschen, das gerade erst, 1707, sein eigenes Parlament abgeschafft hatte, brachte in zwei Generationen die Begründer der modernen Wirtschaftswissenschaft, der Soziologie und der Geologie hervor, die Chemie der Wärme, den Dampf, der die Industrielle Revolution antrieb, und eine Philosophie, die bis heute wirkt. Smith, Ferguson, Hutton, Black, Watt, Hume. Aus dem Armenhaus am Rand wurde das Hirn Europas.

Wie?

Knox’ Kinder

Es beginnt, wie so vieles auf der Insel, in der Kirche, und zwar in einer strengen.

In Folge 5 stand John Knox am Anfang des schottischen Calvinismus. Sein reformiertes Programm hatte eine Forderung, die harmlos klang und alles veränderte: Jeder Mensch muss die Schrift selbst lesen können. Also baute die schottische Kirche Schulen. Ein Gesetz von 1696 verlangte eine Schule in jeder Gemeinde, bezahlt von den Grundbesitzern, geführt von der Kirche und der Gemeinde vor Ort.

Das Ergebnis war eine der lesekundigsten Bevölkerungen Europas. Ein Pflüger, der seine Bibel kannte und sich am Whisky über Prädestination stritt. Ein Steinmetz, der den Katechismus auswendig konnte. Das ist Humankapital von unten, breit gestreut statt im Kloster und am Hof eingesperrt.

Man soll es nicht verklären. Dieselbe Kirche, die das Lesen lehrte, verbot das Theater und verfolgte den Unglauben; sie hat Hume zeitlebens den Lehrstuhl verweigert und beinahe exkommuniziert. Die Alphabetisierung und die Engstirnigkeit kamen im selben Paket. Aber das Paket enthielt etwas, das der größte Teil des Kontinents nicht hatte: ein Volk, das lesen konnte.

Die Universität in der Handelsstadt

Schottland hatte fünf Universitäten, als England zwei hatte. Und sie waren von anderer Art.

Oxford und Cambridge dösten. Adam Smith, der ein paar Jahre in Oxford verbrachte, schrieb später trocken, die dortigen Professoren hätten „seit vielen Jahren sogar den Vorwand aufgegeben, zu lehren”. Der junge Gibbon nannte seine Monate in Oxford die müßigsten seines Lebens. Die kontinentalen Akademien wiederum hingen am Hof, gestiftet von oben, gewandt zur Krone.

Die schottischen Universitäten saßen mitten in der Stadt. Sie waren billig, städtisch, offen auch für Söhne ohne Stammbaum, und sie lehrten in englischer statt in lateinischer Sprache, mit Fachprofessoren statt mit allgemeinen Tutoren. Edinburghs medizinische Fakultät wurde die beste Europas. Vor allem aber waren Wissen und Gewerbe nicht getrennt. Glasgow wurde reich am Tabakhandel, und Smith lehrte Moralphilosophie zwischen den Söhnen der Tabaklords und speiste mit ihren Vätern. Joseph Black, Professor für Chemie, fand heraus, was beim Erwärmen und Schmelzen wirklich geschieht, die latente Wärme. Sein Freund James Watt, Instrumentenbauer an der Universität Glasgow, nahm genau dieses Wissen und machte daraus die entscheidende Verbesserung der Dampfmaschine. Die Carron-Eisenwerke, 1759 gegründet, holten sich die Wissenschaft der Professoren an die Hochöfen.

Hier liegt ein Faden, der bis in unsere Gegenwart reicht. Europa beklagt heute, dass seine Universitäten und seine Industrie aneinander vorbeileben, während im angloamerikanischen Modell Hörsaal und Fabrik ineinandergreifen. Das Muster wurde in Glasgow gelegt. Die Uni stand nicht im Elfenbeinturm. Sie stand am Hafen.

Die Aufklärung aus der Taverne

Wo organisierte sich dieses Denken? Nicht in einer königlichen Akademie. In Clubs.

Edinburghs Altstadt war so eng, dass ein Besucher staunte, er könne am Marktkreuz stehen und binnen weniger Minuten fünfzig Männer von Genie bei der Hand nehmen. Diese Männer trafen sich in Vereinen, die sie selbst gründeten. Die Select Society zum Debattieren, ab 1754. Der Poker Club ab 1762. Die Philosophical Society, aus der die Royal Society of Edinburgh wurde. Der Oyster Club, an dessen Tisch Smith, Black und der Geologe Hutton saßen. Man traf sich in Tavernen, bei Austern und Claret, und redete die Welt auseinander.

Das ist ein Unterschied, der zählt. Die französische Aufklärung lebte im Salon, und der Salon gehörte einer adligen Gastgeberin und hing an Patronage und Gunst. Die schottische lebte im Club, und der Club gehörte seinen Mitgliedern. Zivilgesellschaft, freiwillig, von unten. Die Schotten organisierten ihr Geistesleben wie einen Verein, weil sie alles so organisierten, was der Staat nicht in die Hand nahm. Und der Staat nahm wenig in die Hand, denn den Staat hatten sie gerade verloren.

Das Paradox der Union

1707 stimmte das schottische Parlament sich selbst aus der Welt. Die Union mit England. Sie war zutiefst unbeliebt; eine Generation später dichtete Robert Burns bitter, man sei „für englisches Gold gekauft und verkauft” worden.

Und doch tat dieser Verlust etwas Merkwürdiges. Er löste die politische Spitze auf und ließ alles darunter stehen. Schottland behielt seine eigene Kirche, sein eigenes Recht und seine eigenen Universitäten. Die drei Institutionen, die das Land im Innersten trugen, blieben schottisch. Dazu kam der freie Zugang zu Englands Märkten und zum Empire, und Glasgow blühte auf.

Mit dem Recht gibt es eine hübsche Pointe. Es war vom römischen Recht geprägt, ausgerechnet jenem Recht, das in Folge 4 für die Ordnung von oben stand. Nur hatte kein Kaiser es den Schotten aufgezwungen; an Schottland waren die Römer gescheitert. Die schottischen Juristen hatten es sich selbst geholt, als Studenten in Bologna, Orléans und später Leiden, als gelehrtes Werkzeug, nicht als Befehl eines Alleinherrschers. Es sprach Römisch, aber es argumentierte wie das Common Law, aus Fällen, Gewohnheit und den großen Rechtsgelehrten, nie aus einem Kodex. Römischer Inhalt, von-unten-Form.

Schottische Energie, von der Politik abgeschnitten, ergoss sich also in Handel, Recht, Medizin und Gedanken. Eine Nation, die ihren Staat verlor, entdeckte, wie viel von einer Nation unterhalb des Staates lebt. Wer das erlebt hat, dass die Gesellschaft sich selbst trägt, wenn der Staat sich zurückzieht, dem muss man die nächste Idee nicht mehr lange erklären.

Die Idee: Ordnung, die wächst

Die Schotten schauten auf ihre eigene Gesellschaft und sahen ein Wunder. Der Markt, die Sprache, das Recht, die Sitten, das ganze dichte Gewebe des Zusammenlebens, niemand hatte es entworfen, und doch funktionierte es. Daraus machten sie eine Wissenschaft.

Adam Ferguson schrieb 1767 den Satz, der die Sache auf den Punkt bringt. Die Völker, sagt er, „stolpern in Einrichtungen hinein, die zwar das Ergebnis menschlichen Handelns sind, aber nicht die Ausführung irgendeines menschlichen Entwurfs”. Ordnung ohne Ordner. Ein Ergebnis ohne Plan.

Adam Smith machte daraus die Wirtschaft. In seinem Wohlstand der Nationen von 1776 steht der berühmteste Satz der Ökonomie: „Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, des Brauers oder des Bäckers erwarten wir unser Abendessen, sondern von ihrer Rücksicht auf das eigene Interesse.” Tausende verfolgen ihren eigenen Vorteil, und ohne dass jemand es befiehlt, werden alle versorgt. Die unsichtbare Hand. Schon Jahre zuvor, in seiner Theorie der ethischen Gefühle, hatte Smith gezeigt, dass auch die Moral so entsteht, von unten, aus Mitgefühl und dem inneren unparteiischen Beobachter, nicht aus einem Kodex, den einer von oben herabreicht.

Und Hume, der Skeptiker, der durch diese ganze Serie geht, hatte den Boden dafür längst bereitet. Er hatte gezeigt, dass selbst unsere festesten Gewissheiten nicht auf reiner Vernunft ruhen, sondern auf Gewohnheit, und dass Gerechtigkeit und Eigentum keine Erfindung eines Gesetzgebers sind, sondern gewachsene Übereinkünfte.

Man sieht das Muster. Schottland theoretisierte die Ordnung von unten, weil es sie lebte. Ein Volk, das selber lesen lernte, Institutionen, die sich selbst verwalteten, eine Gesellschaft, die aufblühte, als man ihr den Staat nahm. Die Erfahrung kam zuerst, die Theorie kam hinterher.

Nicht besser, sondern anders

Der Kontinent dachte in die andere Richtung.

Die französische Aufklärung war zentral, sie war staatsnah, und sie war konstruktivistisch. Ihre großen Männer suchten die Nähe der Macht; Voltaire korrespondierte mit Friedrich dem Großen, Diderot reiste zu Katharina. Ihr Glaube war, dass die Vernunft die Gesellschaft vom Reißbrett neu entwerfen könne und solle, das geerbte Gestrüpp wegschneiden und an seine Stelle den klaren, durchdachten Plan setzen. Die Encyclopédie war der Bauplan allen Wissens, geordnet von oben.

Das war kein Fehler, dieser konstruktivistische Nerv gab Europa den Mut, wirkliche Ungerechtigkeit per Entwurf abzuschaffen, statt sie als „gewachsen” hinzunehmen. Universale Rechte zu erklären. Ein vernünftiges Gesetzbuch zu schreiben. Schlechte Einrichtungen umzubauen, statt sich vor ihnen zu verneigen. Denn die schottische Ehrfurcht vor der gewachsenen Ordnung hatte ihre eigene blinde Stelle. Smiths Glasgow wurde reich am Tabak, den Sklaven pflanzten, und die „spontane Ordnung” enthielt viel Leid, das niemand gewählt hatte und das nun keiner zu ändern verpflichtet schien.

So stehen die beiden Aufklärungen einander gegenüber. Die eine schenkte der Welt universale Prinzipien und den Willen, sie umzubauen. Die andere die Wissenschaft davon, wie Ordnungen wachsen, und die Warnung, dass man, was man nicht entworfen hat, nicht ohne Kosten einfach neu entwerfen kann.

Unter all diesen Schotten war einer schon weiter gegangen und hatte weiter gereicht als die anderen. Kein Philosoph nur für Professoren, sondern ein Schriftsteller, den das ganze lesende Publikum verschlang, dessen Geschichtswerk sich besser verkaufte als alles andere seiner Zeit und von dem ein Deutscher später sagen würde, er habe ihn aus dem dogmatischen Schlummer geweckt. David Hume. Der Mann, der jeden Bürger erreichte, ist die nächste Folge.

Quellen und Belege

Primärquellen – Voltaire, anonyme Notiz in der Gazette littéraire de l’Europe (4. April 1764), zu Lord Kames, Elements of Criticism (1762); das Blatt erschien 1764–1766, hrsg. von Suard und Abbé Arnaud, Voltaire war Mitarbeiter (u. a. Rezension von Humes History, Mai 1764) – Adam Ferguson, An Essay on the History of Civil Society (1767) — „the result of human action, but not the execution of any human design” – Adam Smith, The Wealth of Nations (1776) und The Theory of Moral Sentiments (1759) – David Hume, A Treatise of Human Nature (1739/40) — Gewohnheit; Gerechtigkeit/Eigentum als Konvention (volle Behandlung in Folge 8)

Sekundärliteratur und Belege – Zur Schottischen Aufklärung: Arthur Herman, The Scottish Enlightenment: The Scots’ Invention of the Modern World (2001); Alexander Broadie (Hg.), The Cambridge Companion to the Scottish Enlightenment (2003) – Zur schottischen Bildung: Act for Settling of Schools (1696); flächendeckende Pfarrschulen, hohe Alphabetisierung – Zu Universität und Industrie: Joseph Black (latente Wärme), James Watt (Dampfmaschine, Universität Glasgow), Carron Company (1759); Smith über Oxford im Wealth of Nations, Buch V – Zu den Clubs: Select Society (1754), Poker Club (1762), Royal Society of Edinburgh (1783), Oyster Club – Zur Union 1707 und zum Fortbestand von Kirche, Recht und Universitäten als schottischer Zivilgesellschaft – Zum Kontrast der französischen Aufklärung (Enzyklopädisten; Voltaire–Friedrich II.; Diderot–Katharina II.)

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