Anglo-Amerika und Kontinental-Europa — Folge 8: Die Achse Hannover

Avatar von Andreas Paul John

Der Kanal war nie eine Mauer.

In dieser Folge muss ich eine Tatsache nachreichen, die wir sieben Folgen lang fast verschwiegen haben.

Die ganze Zeit reden wir von zwei Welten, der Insel und dem Kontinent, als trenne sie mehr als dreißig Kilometer Wasser. Und dann das: Hundertdreiundzwanzig Jahre lang, von 1714 bis 1837, hatten Großbritannien und ein deutscher Staat denselben König. Wer in London auf dem Thron saß, war zugleich Kurfürst von Hannover. Georg I. sprach kaum Englisch und regierte lieber von der Leine aus als von der Themse; sein Hofkomponist, ein gewisser Händel, war ihm aus Hannover nach London gefolgt. Eine ganze Dynastie britischer Könige mit deutschem Stammsitz, deutschem Akzent, deutscher Verwandtschaft.

Heute fragen wir, warum die klügsten Europäer nach Boston und ins Silicon Valley ziehen, warum das Talent nach Westen rinnt. Es gab eine Zeit, da rann es andersherum. Im achtzehnten Jahrhundert lag das modernste Stück Universität auf dem Kontinent in einem britisch-deutschen Gemeinschaftsprojekt, und der Verkehr der Ideen lief, für ein paar Jahrzehnte, von der Insel ins Reich.

Göttingen, der Zwilling Edinburghs

1737 nahm in der kleinen welfischen Stadt Göttingen eine Universität den Betrieb auf. Gestiftet hatte sie Georg II., in seiner Eigenschaft als Kurfürst von Hannover, also derselbe Mann, der in London König war. Ins Werk gesetzt hat sie sein Minister Gerlach Adolph von Münchhausen, ein nüchterner Verwaltungskopf, nicht zu verwechseln mit dem Lügenbaron gleichen Namens, der ungefähr zur selben Zeit aus demselben Geschlecht seine Geschichten erfand.

Founder and formal rector: George II, Elector of Brunswick-Lüneburg and King of Great Britain (portrait of 1736). Rijksmuseum, CC0, via Wikimedia Commons (https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=84584692)
Founder and formal rector: George II
Stifter und formeller Rektor: Georg II. Kurfürst von Braunschweig-Lüneburg und König von Großbritannien (Porträt von 1736), Von Rijksmuseum – http://hdl.handle.net/10934/RM0001.COLLECT.43985, CC0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=84584692

Göttingen brach mit allem, was eine deutsche Universität bis dahin ausmachte. Die theologische Fakultät verlor ihr Vetorecht. Die Professoren mussten sich nicht mehr auf ein religiöses Bekenntnis verpflichten, was erlaubte, die besten Köpfe zu holen, gleich welcher Färbung. Sie verwalteten sich weitgehend selbst. Und Münchhausen führte ein Kriterium für den Aufstieg ein, das uns heute selbstverständlich vorkommt und damals neu war: Es zählte, was einer erforscht und veröffentlicht hatte, nicht, wie lange er gedient hatte. Die Forschungsuniversität beginnt im Kern hier.

Vor allem atmete Göttingen englische Luft. Über die Personalunion sickerte das britische Verfassungsdenken in die Hörsäle; man bewunderte das englische Regierungsmodell und studierte es ernsthaft. Hier wuchs eine Schule der Geschichte und der Staatswissenschaft, die nach London und in die Welt blickte statt nur ins eigene Fürstentum.

Damit hatte das Reich plötzlich einen Zwilling zu Edinburgh. Eine freie, städtische, forschende Universität, die nach vorn schaute. Und der Verkehr zwischen beiden war real. Göttingens Star war der Physiologe Albrecht von Haller, der Begründer der modernen experimentellen Physiologie; seine Werke wurden in Edinburgh übersetzt und nachgedruckt. Die zwei neuen Leuchttürme des Nordens leuchteten einander zu.

Man muss vorsichtig sein und darf nicht behaupten, Göttingen habe Edinburgh einfach kopiert, eher trankens sie aus derselben Quelle.

Die holländische Wurzel

Die Quelle hieß Leiden in Südholland, und sie hatte einen Namen: Herman Boerhaave. Der Leidener Arzt war im frühen achtzehnten Jahrhundert der berühmteste Lehrer Europas; aus halb dem Kontinent strömten die Studenten zu ihm. Seine Schüler trugen das neue, empirische, am Krankenbett geprüfte Wissen in alle Richtungen.

Sie gründeten die medizinische Fakultät von Edinburgh, die binnen einer Generation die beste der westlichen Welt wurde. Sie prägten die Medizin in Göttingen, wo Haller selbst bei Boerhaave gelernt hatte. Und einer von ihnen, Gerard van Swieten, ging nach Wien.

Hier wird es interessant. Dieselbe Saat, ausgestreut in Edinburgh, Göttingen und Wien.

In Edinburgh und Göttingen wuchs es frei. Selbstverwaltete Fakultäten, Forschung, Autonomie. In Wien wuchs es eingezäunt durch den Staat. Van Swieten, nun Leibarzt Maria Theresias, reformierte die habsburgischen Universitäten von oben. Modern war das durchaus: Er nahm sie den Jesuiten aus der Hand, ließ Nichtkatholiken zu, holte das Recht und die weltlichen Fächer herein, drängte die Theologie zurück. Aber er tat es, indem er den Zaun des Staates enger zog. Vorgeschriebene Lehrbücher. Das Vetorecht des Landesherrn über die Spitzen der Fakultäten. Lehrpläne, zugeschnitten auf den Bedarf des Staates. Der Professor wurde ein Werkzeug der Krone.

Dasselbe holländische Wissen brachte also im Norden die autonome Forschungsuniversität hervor und im Süden die Staatsuniversität. Modernisierung von unten und Modernisierung von oben. Die Bruchlinie, der diese Reihe folgt, läuft nicht nur durch den Kanal. Sie läuft mitten durch den Kontinent, zwischen einem freieren protestantischen Norden und einem staatsgebundenen katholischen Süden.

Halle und die Pietisten

Vor Göttingen gab es Halle, und Halle hatte zwei Seelen. Die eine war die frühe Vernunft: Hier konnte ein Mann auf Deutsch statt auf Latein lesen, und die Philosophie begann, sich vom Dogma zu lösen. Die andere war das Herz.

August Hermann Francke war Pietist, und das hieß, er misstraute der kalten Rechtgläubigkeit der Amtskirche und wollte eine Religion des Herzens, gelebt und tätig. Ab 1695 baute er in Halle aus fast nichts etwas Erstaunliches: eine Armenschule, ein Waisenhaus, Schulen für Jungen und Mädchen, eine Lehrerausbildung, eine Druckerei, die billige Bibeln karrenweise ausspuckte, sogar eine Mission bis nach Indien. Das deutsche Schulwesen und der ausgebildete, berufliche Lehrer beginnen in Franckes Hof. Von unten, aus Glauben und Eigensinn.

Und dann wiederholt sich das Muster, das wir von Müntzer und von Luthers Fürsten kennen, diesmal sanfter. Die Amtskirche beäugte Francke misstrauisch. Aber der König von Preußen, Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig, besuchte die Anstalten, war beeindruckt und nahm die Pietisten unter seinen Schutz. Er sah, was ein Staat mit Menschen anfangen kann, die auf Disziplin, Pflicht und Lesen getrimmt sind. Franckes Schulen wurden ein Modell für Preußen, und pietistische Werte gingen ein in die Herstellung des preußischen Beamten und des preußischen Offiziers.

Thaer, die Revolution auf dem Acker

Der Transfer waren nicht nur Ideen und Glaube. Er reichte bis auf den Misthaufen.

Albrecht Daniel Thaer war Arzt in Celle, einer Stadt im Kurfürstentum Hannover, also im deutschen Land des britischen Königs. Er hat England nie betreten. Er musste nicht. Er las Englisch, und er las alles, was die britische Agrarrevolution druckte. Ab 1798 gab er seine Einleitung zur Kenntniß der englischen Landwirthschaft heraus, geschrieben, wie das Titelblatt sagt, „für denkende Landwirthe und Cameralisten”. Mit dem letzten Begriff sind Staatsdiener, Verwalter und Ökonomen gemeint.

Was er importierte, veränderte, wie Deutschland aß, was auf den Tisch kam. Die Norfolker Fruchtwechselwirtschaft, die mit der verschwendeten Brache aufräumte und stattdessen Klee zog, was zugleich den Boden und das Vieh fütterte. Die Stallfütterung, die mehr Dünger gab, der mehr Korn gab. Den besseren englischen Pflug. Thaer wurde der Vater der rationellen, wissenschaftlichen Landwirtschaft in Deutschland, und er wurde es, indem er in einer hannoverschen Stadt saß, an der Naht der Personalunion, und britische Bücher las. Derselbe nützliche, praktische Werkbank-Geist, der in Glasgow James Watts Maschine speisen ließ, ließ nun einen Celler Arzt den deutschen Acker neu erfinden.

Nicht besser, sondern anders

Das Bild von zwei abgedichteten Welten war also immer zu einfach. Dem Kontinent fehlte die Energie von unten nicht. Er hatte Göttingen, frei und modern; er hatte Halle, das aus Glauben Schulen baute; er hatte Thaer, der die Zukunft durch ein Buch importierte. Das Modell überquerte den Kanal und schlug Wurzeln.

Der Unterschied war nie, ob der Kontinent die Saat hatte. Er war, wie viel Raum der Staat ihr ließ, wild zu wachsen. Im protestantischen Norden, rund um die hannoversche Naht, wuchs sie freier. Im habsburgischen Süden wuchs sie im Zaune des Staates. Und selbst in Preußen wurden die freiesten Energien immer wieder in den Dienst des Throns gezogen, Franckes Schulstuben in die Herstellung von Beamten, so wie Luthers Reformation einst die Fürsten stützte.

Dieselbe Aufklärung, unter einer anderen Hand.

Von all diesen Orten wuchs Göttingen am höchsten. Die kleine Universität, die die britische Krone gepflanzt hatte, wurde um 1900 zum Hirn der wissenschaftlichen Welt, ein Magnet für die besten Köpfe der Erde. Was ein Staat mit einem solchen Ort anstellt, wenn er den Verstand verliert, und wohin diese Köpfe dann fliehen, ist eine Geschichte für eine spätere Folge. Halten Sie für jetzt nur das Bild fest: Das Talent floss dieses Mal nicht nach Westen.

Nächste Folge aber zuerst ein Schotte, der jeden Bürger erreichte und nebenbei einen Deutschen namens Kant aus dem Schlummer weckte. David Hume.

Quellen und Belege

Primärquellen und Werke – Albrecht Daniel Thaer, Einleitung zur Kenntniß der englischen Landwirthschaft (ab 1798, Hannover: Hahn) – August Hermann Francke und die Franckeschen Stiftungen zu Halle (ab 1695)

Sekundärliteratur und Belege – Zur Personalunion Großbritannien–Hannover (1714–1837) und zum kulturellen Transfer über diese Naht – Zur Georg-August-Universität Göttingen (gegr. 1734, Lehrbetrieb 1737): Stiftung durch Georg II. als Kurfürst; Gerlach Adolph von Münchhausen als Kurator; akademische Freiheit, Befreiung von der lutherischen Bekenntnispflicht, Aufstieg per Publikation; anglophile Ausrichtung – Zu Albrecht von Haller (Göttingen, experimentelle Physiologie; bei Boerhaave in Leiden geschult; Rezeption in Edinburgh) – Zur Leidener Wurzel: Herman Boerhaave und seine Schüler in Edinburgh, Göttingen und Wien – Zur habsburgischen Universitätsreform „von oben”: Gerard van Swieten unter Maria Theresia und Joseph II. (Verstaatlichung, Lehrbücher, Lehrpläne nach Staatsbedarf, Zurückdrängung der Jesuiten/Theologie) – Zum Hallenser Pietismus: A. H. Francke; Übernahme und Förderung durch Friedrich Wilhelm I. von Preußen; Bedeutung für das preußische Schul-, Beamten- und Offizierswesen – Zu Albrecht Thaer und der „rationellen Landwirtschaft”: Import der britischen Agrarrevolution (Norfolker Fruchtwechsel, Stallfütterung) über die Literatur; Celle (Kurfürstentum Hannover)

Substack >

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert