Anglo-Amerika und Kontinental-Europa — Folge 3: Wie die Insel das Alte aufnahm

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Blut und Glaube.

Die zweite Folge ließ eine Frage offen. Als die Angelsachsen im fünften Jahrhundert nach Britannien kamen — verdrängten sie die britannischen Kelten, oder vermischten sie sich mit ihnen? Besiedelten sie ein leergefegtes Land, dann ist das gemeinsame germanisch-keltische Recht, von dem Folge 2 sprach, eine hübsche Konstruktion ohne Menschen, die sie tragen. Vermischten sie sich, dann saß die Verschmelzung tiefer.

Die germanischen Stämme um 50 n. Chr. — Angeln, Sachsen, Jüten und Friesen neben Langobarden, Goten und Vandalen. Karte: Karl-Udo Gerth, gemeinfrei.
Die germanischen Stämme um 50 n. Chr. — Angeln, Sachsen, Jüten und Friesen neben Langobarden, Goten und Vandalen. Karte: Karl-Udo Gerth, gemeinfrei.

An dieser Frage klebt seit zweihundert Jahren ein Mythos: der vom „reinen” Angelsachsen, einem Inselvolk von unvermischter, edler germanischer Abkunft. Die viktorianischen Historiker liebten ihn, die Rassenideologen des zwanzigsten Jahrhunderts missbrauchten ihn, und bis heute geistert das Wort „angelsächsisch” als Chiffre für eine Reinheit durch politische Debatten, die es nie gegeben hat.

Wer da kam

Beda Venerabilis nennt in seiner Kirchengeschichte des englischen Volkes (731) drei Stämme. Die Angeln kamen aus der Landschaft Angeln zwischen Schleswig und Flensburg — einem stillen Zipfel Land, der bis heute so heißt und es trotzdem zu erstaunlicher Nachwirkung brachte: England, Angle-land, trägt seinen Namen. Die Sachsen kamen aus dem niedersächsisch-westfälischen Raum, die Jüten aus Jütland. Archäologie und Genetik fügen einen vierten hinzu, den Beda übergeht: die Friesen, deren Sprache noch heute die nächste lebende Verwandte des Englischen ist — so nah, dass ein alter Merkspruch behauptet, „Bread, butter and green cheese” klinge auf Friesisch („Brea, bûter en griene tsiis”) fast genauso.

Auf der Karte der germanischen Stämme um 50 nach Christus stehen sie alle beieinander an der Nordseeküste — Angeln, Sachsen, Jüten, Friesen —, dicht neben Langobarden, Goten und Vandalen. Es ist dieselbe Verwandtschaft, von der die zweite Folge sprach: Was die Angelsachsen über die See trugen, war kein englisches Sonderrecht, sondern gemeinwestgermanisches Gut — Versammlung, Sippe, gewählte Könige, Bußgeld statt Strafe. Der Unterschied zu den Franken, Goten und Langobarden lag nicht im Gepäck, sondern im Ziel.

The Anglo-Saxon migration in the fifth century — Jutes, Angles, Saxons and Frisians cross the North Sea. Map: Notuncurious, CC BY-SA 3.0 (Wikimedia Commons).
Die angelsächsische Wanderung im 5. Jahrhundert — Jüten, Angeln, Sachsen und Friesen überqueren die Nordsee. Karte: Notuncurious, CC BY-SA 3.0 (Wikimedia Commons).

Denn die anderen germanischen Wanderer des fünften Jahrhunderts zogen in tief romanisierte Provinzen. Die Franken kamen nach Gallien, die Westgoten nach Hispanien, die Langobarden nach Italien — und überall verschluckte sie am Ende die romanische Sprache und Kultur des eroberten Landes. Die Goten in Spanien wurden zu Spaniern, die Franken in Gallien zu Franzosen, die Langobarden zu Italienern. Nur in Britannien lief es umgekehrt: Dort lag die römische Schicht so dünn (Folge 1), dass nicht die Eroberer assimiliert wurden, sondern die Sprache der Eroberer sich durchsetzte. Aus den Angelsachsen wurden nicht Romano-Briten. Aus ihnen wurden Engländer.

Die Landnahme

Als Rom 410 abzog (Folge 1), hinterließ es eine wohlhabende, aber wehrlose Provinz. Beda erzählt den Anfang als Legende: Der britannische Fürst Vortigern habe germanische Söldner gerufen — Hengist und Horsa —, um die Pikten aus dem Norden abzuwehren, und die Söldner hätten den Spieß umgedreht — die wohl älteste überlieferte Fassung des Fehlers, sich die Wache ins Haus zu holen, die man danach nicht mehr loswird. Wie viel davon Sage ist, weiß niemand. Sicher ist die Bewegung selbst: über das fünfte und sechste Jahrhundert kamen Krieger, Familien und ganze Siedlergruppen über die Nordsee, zuerst nach Kent und an die Ostküste, dann landeinwärts.

Landnahme der Angeln, Sachsen und Jüten um das Jahr 600; die Briten halten den Westen. Karte: Furfur (nach Wereon/Hel-hama), CC BY-SA 3.0 (Wikimedia Commons)
Landnahme der Angeln, Sachsen und Jüten um das Jahr 600; die Briten halten den Westen. Karte: Furfur (nach Wereon/Hel-hama), CC BY-SA 3.0 (Wikimedia Commons)

Um das Jahr 600 sah die Insel aus wie auf der nächsten Karte: im Osten und in der Mitte ein Flickenteppich angelsächsischer Königreiche — Northumbria, Mercia, die Ost-, Süd- und Westsachsen, Kent —, im Westen die Briten, zurückgedrängt nach Wales, Cornwall und in den Norden. Die Sprache verrät die Sieger-Perspektive: Das altenglische Wort für die zurückgebliebenen Briten war wealh, „der Fremde”. Wales heißt wörtlich „Land der Fremden” — die Angelsachsen nannten die Ureinwohner Fremde im eigenen Land.

Verdrängt oder vermischt?

Damit scheint die Antwort klar: Verdrängung. So las es Beda, so lasen es die Viktorianer — eine Eroberung, bei der die Briten getötet wurden oder nach Westen flohen. Im späten zwanzigsten Jahrhundert kippte die Forschung ins Gegenteil: Vielleicht war es gar keine Masseneinwanderung, sondern eine kleine Kriegerelite, die der vorhandenen Bevölkerung nur Sprache und Kultur aufprägte — viel Anglisierung, wenig Angelsachsen.

Erst die Analyse alter DNA hat die Frage entschieden, und die Antwort ist keines der beiden Extreme. Die großen genetischen Studien — Schiffels und Kollegen 2016, Gretzinger und Kollegen 2022, beide in den Nature-Zeitschriften — zeigen eine erhebliche, reale Zuwanderung: In frühen angelsächsischen Gräberfeldern Ost- und Zentralenglands stammt bis zu etwa drei Viertel der Abstammung vom europäischen Festland, aus dem heutigen Norddeutschland, den Niederlanden und Dänemark. Es kam also nicht bloß eine Elite. Es kamen viele.

Aber es war keine Auslöschung. Die britannische Bevölkerung lebte weiter, vermischte sich, und ihr Anteil wächst, je weiter man nach Westen und Norden geht. Das moderne englische Erbgut ist im Osten und Süden überwiegend nordwesteuropäisch-germanisch, im Westen und Norden britannisch-keltisch. Es war also beides: eine große Wanderung und eine Verschmelzung. Der „reine” Angelsachse ist eine Erfindung; der wirkliche Engländer ist von Anfang an ein Mischwesen.

Die Britischen Inseln um 802 — die Reiche der Angeln, Sachsen und Jüten und die keltischen Reiche, die am Rand überlebten. Karte: R. Botev (2006), gemeinfrei.
Die Britischen Inseln um 802 — die Reiche der Angeln, Sachsen und Jüten und die keltischen Reiche, die am Rand überlebten. Karte: R. Botev (2006), gemeinfrei.

Damit bestätigt sich rückwirkend die These der zweiten Folge: Das germanisch-keltische Rechtssubstrat konnte verschmelzen, weil die Menschen verschmolzen. Und es bestätigt sich ein zweites Mal auf der Landkarte. Um das Jahr 802, als die Einwanderung „abgeschlossen” war und die Historiker längst nicht mehr zwischen Angeln, Sachsen und Jüten unterscheiden, liegen am Rand der Insel weiter die keltischen Reiche — Wales, das westliche „West Wales” (Cornwall), Strathclyde, Pictland, Irland. Genau dort, am Rand des Westens, überlebte das alte Substrat, von dem Folge 2 sprach. Die Insel hatte das Alte nicht ausgelöscht. Sie hatte es aufgenommen.

Genau dasselbe — aufnehmen statt auslöschen — geschah ein zweites Mal, in einer ganz anderen Sache: im Glauben.

Der Glaube kommt

Die Angelsachsen kamen als Heiden; sie verehrten Woden und Thunor, während das römische Britannien längst christlich gewesen war. Christianisiert wurden sie auf eine Weise, die kein Heer benötigte — und aus zwei Richtungen zugleich.

Von Süden kam 597 die römische Mission: Papst Gregor der Große schickte den Mönch Augustinus nach Kent, dessen König Æthelberht bereits eine christliche Frankenprinzessin zur Frau hatte. Und Gregor gab eine ungewöhnliche Anweisung. In einem Brief von 601 verlangte er ausdrücklich, die heidnischen Tempel nicht zu zerstören, sondern zu weihen und umzuwidmen; selbst die Opferfeste solle man in Heiligenfeste überführen — „damit das Volk, das seine Tempel nicht zerstört sieht, den Irrtum aus dem Herzen tilge”. Bekehrung als Anpassung, nicht als Auslöschung. Es ist die religiöse Fassung dessen, was im Blut geschah: das Vorhandene aufnehmen, statt es wegzuräumen.

Von Norden und Westen kam der zweite Strom, das irische Mönchtum. Irland war im fünften Jahrhundert christlich geworden, ganz ohne römische Eroberung, denn Irland war nie Teil des Reiches. Von der Klosterinsel Iona aus (gegründet 563) und von Lindisfarne (635) missionierten irische Mönche den Norden Englands. Wo die beiden Ströme sich an Praxisfragen stießen — am Osterdatum und, kein Scherz, an der richtigen Mönchstonsur, dem Haarschnitt der Mönche —, wurde der Streit 664 auf der Synode von Whitby ausgetragen: König Oswiu wog die Argumente und entschied für Rom. Die unterlegene Seite, Bischof Colman und seine Mönche, zog unbehelligt nach Iona ab. Eine Glaubensfrage, beigelegt durch eine einberufene Debatte, mit freiem Abzug der Verlierer.

Und auf dem Kontinent: das Schwert

Ganz anders lief die Durchsetzung des Glaubens auf dem Kontinent. Karl der Große führte gegen die heidnischen Sachsen einen Krieg, der zweiunddreißig Jahre dauerte (772–804). Sein Gesetz für Sachsen, die Capitulatio de partibus Saxoniae von 785, stellte die Todesstrafe auf die Verweigerung der Taufe, auf die Leichenverbrennung nach heidnischem Brauch, auf den Bruch der Fastenzeit.

Die Expansion des Frankenreichs unter Karl dem Großen (768–814); Sachsen wird mit dem Schwert unterworfen. Karte: Wolpertinger (Bearb. Tsui), CC BY-SA 3.0 (Wikimedia Commons).
Die Expansion des Frankenreichs unter Karl dem Großen (768–814); Sachsen wird mit dem Schwert unterworfen. Karte: Wolpertinger (Bearb. Tsui), CC BY-SA 3.0 (Wikimedia Commons).

782 ließ er bei Verden ein Blutgericht halten — die Reichsannalen nennen viertausendfünfhundert enthauptete sächsische Gefangene; die Zahl ist umstritten, die Sache nicht. Christianisierung als Eroberung, als Befehl von oben — dieselbe Kommandostruktur, mit der Karl, wie Folge 2 zeigte, auch Recht und Verwaltung zentralisierte.

Charlemagne enthroned — from the chronicle of Ekkehard of Aura (12th c.), public domain
Karl der Große, thronend — aus der Chronik des Ekkehard von Aura (12. Jh.), gemeinfrei.

Es ist wieder die Gabel aus Folge 2, jetzt im Religiösen. In Whitby entscheidet eine Versammlung, und die Verlierer reiten heim. Bei Verden entscheidet ein Heer, und die Verlierer werden geköpft. Dieselbe Glaubensfrage, zwei Verfahren: Aushandeln gegen Befehl, aufnehmen gegen auslöschen.

Die ehrliche Verkomplizierung

Eine zu glatte „sanfte Insel”-Erzählung wäre falsch. Auch die Inselbekehrung lief von oben über die Könige: Ein König konvertierte — kalkuliert, oft über eine dynastische Heirat —, sein Volk folgte. Der Unterschied war nicht Sanftmut, sondern Struktur; es fehlte das imperiale Heer, das es anders hätte machen können.

Und eine Ironie, die uns direkt angeht: Der Mann, der die Germanen jenseits des Rheins missionierte, war selbst Angelsachse — Bonifatius aus Wessex, der „Apostel der Deutschen”, der um 723 bei Fritzlar die Donar-Eiche fällte — ein durchaus riskantes theologisches Argument: Er legte den heiligen Baum des Donnergottes um und wartete ab, ob ein Blitz käme. Es kam keiner, und das überzeugte mehr als jede Predigt. Aber Bonifatius arbeitete unter fränkischem Schutz, und die Vollendung der Sachsenbekehrung übernahm dann nicht der Missionar, sondern der fränkische Staat — mit Gewalt. Dieselbe insulare Mission wurde mild praktiziert, solange sie Mission blieb, und tödlich, sobald sie in die karolingische Kommandostruktur eintrat. Auch hier entschied nicht der Gedanke, sondern der Boden, auf den er fiel.

Das kontinentale Modell — der Glaube als Verfügung der Macht — ist die Ahnenlinie zu cuius regio, eius religio, dem Augsburger Grundsatz von 1555, nach dem der Fürst die Konfession seiner Untertanen bestimmt. Das insulare Modell — der Glaube, der durch Mission und Debatte ankommt — ist die Ahnenlinie zur englischen Toleranz von 1689. Aber das ist die fünfte Folge.

Wie es weitergeht

Zweimal hat die Insel dasselbe getan. Im Blut nahm sie die Briten auf, statt sie auszulöschen; im Glauben nahm sie das Vorhandene auf, statt es niederzubrennen. Der Kontinent ersetzte und befahl; die Insel mischte und pfropfte. Und beide Male überlebte unter der neuen Schicht das Alte — das keltische Substrat am Rand, das umgewidmete Heiligtum im Dorf.

Doch dieses ganze gewachsene Gefüge stand bald vor seiner härtesten Probe. 1066 setzte ein fremder Herzog mit einer Armee über den Ärmelkanal, schlug das angelsächsische England in einer einzigen Schlacht und ersetzte binnen zwanzig Jahren fast die gesamte Oberschicht. Es sah aus wie das Ende von allem, was die Insel aufgebaut hatte. Dass aus dieser Eroberung nicht das Ende, sondern die Verfestigung der alten Ordnung wurde — und dass alles an der Entscheidung eines einzigen Königs hing —, ist das Thema der nächsten Folge.


Quellen und Belege

Primärquellen – Beda Venerabilis, Historia ecclesiastica gentis Anglorum (731) – Gregor der Große, Brief an Mellitus (601), überliefert bei Beda – Capitulatio de partibus Saxoniae (ca. 785); das Blutgericht von Verden 782 nach den fränkischen Reichsannalen (die überlieferte Opferzahl von 4.500 ist in der Forschung umstritten)

Genetik und Migration – Stephan Schiffels et al., „Iron Age and Anglo-Saxon genomes from East England reveal British migration history”, Nature Communications 7 (2016) – Joscha Gretzinger et al., „The Anglo-Saxon migration and the formation of the early English gene pool”, Nature 610 (2022)

Bildnachweis – Karten 1, 3 und 6 (Migration; Britannien um 600; Frankenreich): CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons — Urheber Notuncurious, Furfur (nach Wereon/Hel-hama) bzw. Wolpertinger (Bearb. Tsui) – Karten 2 und 5 (Germanen um 50 n. Chr.; Britische Inseln um 802) sowie die Karl-Darstellung: gemeinfrei

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