Der Reflex.
Wenn in Europa etwas Neues auftaucht, eine Technologie, ein Risiko, eine Krise, lautet die erste Frage: Wer reguliert das? In Amerika lautet sie: Wer baut das? Das ist kein Zufall und keine Laune des Augenblicks. Es ist ein Reflex mit zweihundert Jahren Geschichte, so tief eingeschliffen, dass kaum noch jemand ihn bemerkt. Hinter ihm steht eine Idee, die diese Reihe bisher nur von außen gestreift hat: dass der Staat nicht ein notwendiges Übel ist, das man fesseln muss, sondern die höchste Form der Vernunft selbst.
Zwölf Folgen lang ging es um die Ordnung von unten. Das Recht, das aus der Gewohnheit wächst. Das Eigentum, das vor dem Staat entsteht. Die Religion, die sich selbst organisiert. Der Siedler, der eine Hütte baut und das Land sein nennt. Jetzt ist es Zeit für den anderen Pol: den Befehl von oben.
In Folge 10 haben wir einen Strang der Aufklärung bis zur Guillotine verfolgt. Frankreich berief sich auf Rousseau, auf den einen, ungeteilten Willen des Volkes, und aus diesem Willen wurde unter Robespierre das Fallbeil. Aber dieser Strang endete nicht in Paris. Sein dauerhafteres Werk entstand woanders. Er überquerte den Rhein, und in Berlin baute man aus ihm kein Blutgericht, sondern ein System, das Europa bis heute regiert.
Und nicht nur in Berlin. Der starke Staat von oben ist die kontinentale Grundform, und er hatte zwei Motoren. Frankreich lieferte den Körper. Ludwig der Vierzehnte hatte den zentral gelenkten Staat geschaffen, und Napoleon goss ihn in dauerhafte Form: Präfekten in jedem Winkel des Landes, ein einheitliches Gesetzbuch, der Code civil, der das Recht von oben setzte, statt es wie das Common Law von unten wachsen zu lassen (Folge 4), dazu Eliteschulen, die der Staat sich selbst heranzog. Deutschland lieferte die Seele, die Philosophie, die aus dem Apparat eine Idee machte. Wien regierte josephinisch von oben herab, St. Petersburg hielt seine Bauern bis 1861 leibeigen. Diese Folge hält sich vor allem an die deutsche Linie, weil dort der Gedanke sich selbst durchschaute. Aber der Reflex ist überall zu Hause, von Paris bis St. Petersburg.
Der eine Wille
Am Anfang steht ein Genfer, dem wir schon zweimal begegnet sind. Jean-Jacques Rousseau, der Mann, den Hume nach England holte und der ihn dafür mit Verschwörungsanklagen überzog. Wir lassen den Streit, wo er war, in Folge 9, und nehmen nur die Idee, die er der Welt hinterließ.
Rousseau fragte, wie der Mensch frei sein könne und trotzdem gehorchen müsse. Seine Antwort war die volonté générale, der Gemeinwille. Nicht die Summe dessen, was die Einzelnen wollen, sondern das, was sie wollen sollten, wenn sie nur das Ganze im Blick hätten. Wer sich diesem Willen fügt, gehorcht nicht einem fremden Herrn, sondern seinem eigenen besseren Selbst. Und wer sich ihm verweigert? Den, schrieb Rousseau, „wird man zwingen, frei zu sein.”
Man muss den Satz zweimal lesen, um seine ganze Wucht zu spüren. Er ist das genaue Gegenteil dessen, was Locke in Folge 12 lieferte. Bei Locke entsteht das Eigentum, und mit ihm das Recht, vor dem Staat und notfalls gegen ihn; der Einzelne bringt seine Freiheit schon mit, der Staat hat sie nur zu schützen. Bei Rousseau löst sich der Einzelne ins Ganze auf und empfängt seine Freiheit zurück, geadelt, als Teil des Gemeinwillens. Hume, der jedem System misstraute, das den Menschen besser kannte als der Mensch sich selbst, hätte geschaudert. Aber Hume war 1776 tot, und das Feld gehörte, zumindest auf dem Kontinent, nun anderen.
Ertragen oder abschütteln
Zwischen Rousseau und Hegel steht ein Dritter, der Größte von allen, und auch ihn haben die Staatsgläubigen gebeugt. Immanuel Kant in Königsberg verehrte Rousseau, dessen Bild als einziges in seinem Arbeitszimmer hing, und er schuldete dem Skeptiker aus Folge 9 mehr als jedem anderen: David Hume, schrieb Kant, habe ihn aus dem „dogmatischen Schlummer” geweckt.
Kant machte die Pflicht zum Herzstück seiner Ethik. Im Kaiserreich wurde daraus der Kadavergehorsam, das „Ich habe nur meine Pflicht getan”. Auch das war eine Beugung, denn Kant meinte das Gegenteil. Pflicht hieß bei ihm Autonomie, sich selbst ein Gesetz geben, das man vor der eigenen Vernunft verantworten kann. Ein Befehl, der die Menschenwürde verletzt, ist nach Kant niemals Pflicht.

Aber bei Kant blieb es nicht beim Missverständnis. Hier reichte er den Staatsgläubigen ein echtes Werkzeug, und das trennt ihn scharf von den Anglo-Amerikanern. Die Freiheit des Denkens und der Feder gab er dem Bürger ganz; ein Recht auf Aufstand aber verwarf er kategorisch, selbst gegen den Tyrannen. Seine Begründung war nicht Unterwürfigkeit, sondern Logik. Dürfte jeder das Gesetz brechen, sobald er es für ungerecht hält, gäbe es keine letzte Rechtsinstanz mehr, und alles fiele zurück in den Naturzustand, in das Recht des Stärkeren. Einen schlechten Staat müsse man ertragen, solange er überhaupt Ordnung hält.
Hier teilen sich die Welten, an ihrem schärfsten Punkt. Locke sah den Staat als kündbaren Treuhänder: Bricht er den Vertrag und wird tyrannisch, verliert er seine Legitimität, und die Bürger dürfen ihn abschütteln. Aus diesem Gedanken wurde die amerikanische Unabhängigkeitserklärung. Hume, nüchterner, nahm dem Staat von der anderen Seite den Heiligenschein: Regierungen entstünden fast nie aus edlen Verträgen, sondern aus Eroberung und Usurpation, und sobald eine mehr schade als nütze, verspiele sie den Anspruch auf Gehorsam. Der eine begründete das Recht zum Widerstand, der andere entzauberte den Staat. Kant verbot den Widerstand. In diesem einen Gegensatz, ertragen oder abschütteln, steckt der ganze Abstand zwischen Befehl von oben und Ordnung von unten.
Der Staat als verwirklichte Vernunft
Die Franzosen machten aus der Idee eine Revolution. Die Deutschen machten aus ihr eine Philosophie, und das hielt länger. Wo Kant den Staat noch als bloße Schranke gegen das Chaos dachte, die man ertragen muss, ging Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Professor in Berlin, weiter und dachte den Gedanken zu Ende. Wo Locke und die Amerikaner im Staat eine Gefahr sahen, etwas, das man mit Verfassungen und Gewaltenteilung einhegen musste, sah Hegel in ihm die Vollendung der Freiheit. Der Einzelne für sich ist Willkür und Laune. Erst im Staat, in seinen Gesetzen, Institutionen und Sitten, wird die Vernunft wirklich, wird aus dem zufälligen Wollen ein vernünftiges Wollen.
Ein berühmter Satz fasst das zusammen, und er wird fast immer falsch zitiert. Man hört, Hegel habe den Staat „den Marsch Gottes durch die Welt” genannt, als wäre er ein erobernder Gott in Stiefeln. Das hat er nicht geschrieben. Der Satz steht in einem Zusatz zu seiner Rechtsphilosophie, der nicht einmal von Hegel selbst stammt, sondern aus den Nachschriften seiner Studenten, und er lautet: „Es ist der Gang Gottes in der Welt, dass der Staat ist.” Nicht der Staat marschiert. Dass es ihn überhaupt gibt, dass über dem Durcheinander der einzelnen Interessen eine geordnete Vernunft steht, das ist das Göttliche. Es ist eine stille Vergöttlichung, und gerade darum eine gründliche.
Man tut Hegel unrecht, wenn man darin nur den Steigbügelhalter der Obrigkeit sieht. Dieselbe Idee gebar auch den Rechtsstaat: einen Staat, der nicht der Laune eines Fürsten gehorcht, sondern seinem eigenen Gesetz, berechenbar, vor dem alle gleich sind. Die Beamten, die ihn verwalten, nannte Hegel den „allgemeinen Stand”, eine Schicht, die nicht dem eigenen Vorteil dienen soll, sondern dem Ganzen. Und wenn er „Staat” sagte, meinte er selten die Regierung oder das Militär, sondern die „Sittlichkeit”, das unsichtbare Band aus Vertrauen, Gesetz und gemeinsamen Werten, das eine Gesellschaft zusammenhält. Hegel, der als junger Mann die Französische Revolution gefeiert hatte, wollte keinen Kasernenhof.
Was die Deutschen daraus machten, war etwas anderes, und es beruhte auf einem zweiten Missverständnis. Auch Hegels berühmtester Satz wird bis heute falsch gebraucht: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.” Konservative lasen ihn als Gehorsamsformel: Was der Staat tut, ist, weil er nun einmal besteht, schon vernünftig und also gut. Hegel meinte fast das Gegenteil. „Wirklich” war für ihn nicht alles, was bloß vorhanden ist; ein tyrannischer Staat war zwar da, aber nicht „wirklich”, weil ihm die innere Vernunft fehlte. Aus dem Garanten der Freiheit machte das Kaiserreich die Pflicht zum Untertanentum, und ein Jahrhundert später warf Karl Popper Hegel vor, er habe dem Totalitarismus den Weg gebahnt. Hier liegt die dunkle Seite, und sie ist heikler, als sie aussieht. Ein Staat, der die verwirklichte Vernunft sein soll, ist schwer zu kritisieren; wer gegen die Vernunft steht, hat selten recht. Die Idee lud zum Missbrauch ein, auch wenn ihr Urheber den Missbrauch nicht wollte.
Der rote Stift
Eine Idee bleibt blass, solange sie nur in Büchern steht. Sie wird mächtig, wenn sie die Köpfe formt, bevor diese überhaupt lesen können. Genau das geschah, im selben Berlin, in denselben Jahren.
Zwischen 1809 und 1810 baute Wilhelm von Humboldt das preußische Bildungswesen um. Seine Vision war zunächst eine schöne und freie: Bildung als Selbstzweck, die Entfaltung des ganzen Menschen, nicht zum Nutzen, sondern um seiner selbst willen. Humboldt war kein Etatist; er schrieb sogar eine Schrift über die Grenzen der Wirksamkeit des Staates und misstraute der Obrigkeit, die alles regeln will. Doch was die preußische Beamtentradition aus seinem Ideal machte, war etwas anderes. Aus der freien Selbstbildung wurde die Erziehung des loyalen, disziplinierten, fehlerfreien Staatsdieners.

Wilhelm (2. v. l.) mit Schiller, seinem Bruder Alexander und Goethe in Jena
Und selbst diese Maschine hatte der Staat sich nicht ausgedacht. Ihr Vorbild stand in Halle. Dort hatte der Pietist August Hermann Francke um 1700 aus dem Glauben heraus ein Waisenhaus, Schulen und Werkstätten aufgebaut, von unten gewachsen, getragen von Frömmigkeit und Spendern, wie wir es in Folge 11 gesehen haben. Der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. erkannte die Brauchbarkeit, machte den Hallenser Pietismus beinahe zur Staatskirche, holte seine Lehrer und Feldprediger in den Dienst und ließ nach Franckes Muster Waisenhäuser und Garnisonschulen errichten. Aus der frommen Selbsthilfe wurde eine staatliche Anstalt. Das ist das kontinentale Verfahren in einem Bild: Was von unten entstand, nahm der Staat und führte es von oben weiter, größer, gründlicher und unter Aufsicht.
Das Symbol dieses Systems war der rote Korrekturstift. Jeder Fehler musste markiert, jede Ungenauigkeit gerügt werden; Perfektion war nicht nur erwünscht, sie galt als moralische Pflicht. Wissen floss von oben nach unten, vom Lehrer, der unantastbaren Quelle, zum Schüler, dem stillen Empfänger. Wer einen Fehler riskierte, wurde bloßgestellt, also schwieg er lieber. Es war eine Maschine, die Gründlichkeit erzeugte und Furcht gleich mit.
Im selben Jahrhundert, jenseits des Atlantiks, entstand das genaue Gegenbild. John Dewey, der einflussreichste Pädagoge Amerikas, verkündete den für deutsche Ohren ungeheuerlichen Grundsatz: learning by doing. Bildung sei keine abstrakte Vervollkommnung, sondern Vorbereitung aufs Leben. Der Fehler war kein Makel, sondern eine Lernchance; die Beteiligung zählte mehr als die perfekte Antwort. Das passte zur Frontier, von der diese Reihe schon erzählt hat. In der Wildnis half kein auswendig gelerntes System. Ein Siedler, der über die theoretisch perfekte Lösung grübelte, während seine Hütte brannte, war ein toter Siedler. Pragmatismus schlug Perfektionismus, weil das Überleben daran hing. Dewey gab dem Frontier-Geist nur eine Philosophie.

Hier aber gehört der offene Ledger hin, und dazu muss man zwei Dinge auseinanderhalten, die leicht ineinanderlaufen: das Gebäude und den Geist darin. Das Gebäude war der Neid der Welt. Preußen führte früh die allgemeine Schulpflicht ein, bezahlte die Schulen aus der Staatskasse, bildete seine Lehrer in eigenen Seminaren aus und ordnete die Schüler nach Jahrgängen. Daraus wuchs die höchste Alphabetisierungsrate des neunzehnten Jahrhunderts. 1843 reiste der amerikanische Reformer Horace Mann eigens hin und kehrte begeistert zurück. Bezeichnenderweise lobte er nicht den Drill, sondern das Gegenteil: die Ordnung, die ausgebildeten Lehrer und die Methoden, die er für sanfter hielt als die Prügelpädagogik der damaligen amerikanischen Schule. Was er mit nach Hause nahm, war das System, nicht der Rohrstock. Das amerikanische öffentliche Schulwesen ist zu großen Teilen nach preußischem Muster gebaut. Und Humboldts Berliner Universität von 1810, die Forschung und Lehre vereinte, wurde zum Vorbild der modernen Universität schlechthin, kopiert bis nach Baltimore, wo 1876 die Johns Hopkins University ausdrücklich nach deutschem Vorbild entstand.
Der Geist im Gebäude war die andere Sache. Dasselbe System, das die Welt um seine Reichweite beneidete, trug im Innern den Befehl von oben: den Lehrer als unantastbare Instanz, das Wissen, das nur in eine Richtung floss, die Furcht vor dem Fehler. Es erzog gewissenhafte, zuverlässige, gründliche Menschen, und es erzog ihnen die Scheu vor dem Wagnis gleich mit. Dieselbe Hand, die das großartigste Bildungsgebäude der Zeit errichtete, schrieb auch den roten Stift in die Köpfe.
Die sichtbare Hand
Was für die Köpfe galt, galt für die Wirtschaft. In Folge 7 stand Adam Smith mit der unsichtbaren Hand: Lass die Menschen ihren eigenen Vorteil suchen, und der Markt richtet das Ganze besser, als jeder Planer es könnte. Vom Kontinent kam die Antwort. Die sichtbare Hand des Staates war dort nichts Neues; in Frankreich hatte Colbert sie schon unter Ludwig dem Vierzehnten geführt, mit Staatsmanufakturen und Schutzzöllen. Neu war, dass nun einer ihr eine ganze Theorie gab: Friedrich List.
List hielt Smith für einen Denker reicher Länder. Ein Vorreiter wie England, der seine Industrie längst aufgebaut hatte, konnte sich den Freihandel leisten; er hatte ja schon gewonnen. Ein Nachzügler wie Deutschland, zersplittert und rückständig, würde im freien Wettbewerb einfach überrollt. Seine jungen Industrien brauchten erst Schutz, einen „Erziehungszoll”, bis sie stark genug waren, um zu bestehen. Der Staat sollte nicht zusehen, sondern bauen: Zölle, Eisenbahnen, einen gemeinsamen Markt. List war einer der Antreiber des deutschen Zollvereins von 1834 und ein Pionier der Eisenbahn. Wo Smith die unsichtbare Hand pries, setzte List auf die sehr sichtbare Hand des Staates.
Und nun die Ironie, die niemand erwartet. List lernte das nicht in Deutschland. Er lernte es in Amerika. Politisch verfolgt, wanderte er 1825 in die Vereinigten Staaten aus und landete ausgerechnet in Reading, Pennsylvania, im Berks County, mitten im deutschen Pennsylvania von Conrad Weiser und den Mühlenbergs. Dort gab er einige Jahre lang den deutschsprachigen Readinger Adler heraus und sog die amerikanische Schutzzoll-Debatte in sich auf, das „American System” Henry Clays, die Tradition Alexander Hamiltons, der die junge Republik hinter Zöllen großziehen wollte. 1827 schrieb List in Pennsylvania seine Outlines of American Political Economy. Der Wirtschaftsnationalismus, den wir für urdeutsch halten, hatte einen amerikanischen Pass. Protektionismus war keine deutsche Krankheit; die Vereinigten Staaten industrialisierten sich selbst hinter hohen Zöllen. List brachte die amerikanische Lektion nur nach Hause und gab ihr ein System.
Revolution von oben
Aus all dem, der Idee, der Schule, der gelenkten Wirtschaft, formte ein Mann das vollendete Werkzeug. Otto von Bismarck war kein Philosoph. Er war Realist bis auf die Knochen, der Mann von „Blut und Eisen”, der Deutschland nicht durch Reden und Mehrheitsbeschlüsse einte, sondern durch drei Kriege. Wenn jemand für den kühlen Staat von oben steht, dann er.
Gerade deshalb ist seine größte Tat so verblüffend. Bismarck schuf die erste Sozialversicherung der Welt: die Krankenversicherung 1883, die Unfallversicherung 1884, die Alters- und Invalidenversicherung 1889. Der Sozialstaat, den wir heute für eine Errungenschaft der Arbeiterbewegung halten, für etwas, das von unten erkämpft wurde, kam in Deutschland von ganz oben, und er kam aus kühlem Kalkül. Bismarck hatte die Sozialdemokraten 1878 per Gesetz verboten und verfolgt. Die Sozialversicherung war die andere Hälfte derselben Zange: Nimm den Sozialisten ihr Thema, binde den Arbeiter an den Staat, mach ihn zum dankbaren Untertan statt zum Revolutionär. „Revolution von oben” nannte man das. Wohltat als Herrschaftstechnik.
Man kann das zynisch finden. Man kann aber auch nicht übersehen, was daraus wurde. Es funktionierte, und die Welt schrieb es ab. 1908 reiste der britische Schatzkanzler David Lloyd George nach Deutschland, um sich das Modell anzusehen, und brachte den National Insurance Act von 1911 mit nach Hause. Amerika folgte 1935 mit der Social Security. Die vielleicht humanste Einrichtung des modernen Staates, die Versicherung gegen Krankheit, Unfall und Alter, entsprang nicht der Ordnung von unten, sondern der kältesten Tradition von oben.
Was bleibt
Das ist der andere Pol, ausgemalt. Nicht die Karikatur des bösen Obrigkeitsstaats, sondern eine in sich geschlossene, oft glänzende Tradition. Aus dem Befehl von oben kamen der Rechtsstaat, der die Macht ans Gesetz bindet; die Forschungsuniversität, die die Welt kopierte; die Sozialversicherung, die Millionen vor dem Absturz bewahrt; eine Wirtschaft, die Nachzügler zu Industriemächten machte. Das ist keine kleine Bilanz.
Und auf der anderen Seite der Preis. Ein Staat, der die verwirklichte Vernunft sein will, macht den Bürger leicht zum Untertan und sich selbst zum Maßstab, an dem nichts mehr gemessen wird. Eine Schule, die Fehler bestraft, erzieht zur Gründlichkeit und zur Furcht zugleich. Ein Gemeinwille, der den Einzelnen zwingen darf, frei zu sein, kennt am Ende keine Grenze mehr, die ihn aufhält. Wohin dieser Weg im zwanzigsten Jahrhundert noch führen konnte, ist eine andere Geschichte, und eine viel dunklere.
Was schwerer wiegt, die Ordnung, die Sicherheit, der Rechtsstaat, oder der Bürger, der zum Untertan wird, das mag jeder Leser für sich entscheiden. Diese Reihe fällt das Urteil nicht. Sie legt nur beide Pole nebeneinander, die Ordnung von unten und den Befehl von oben, und zeigt, dass keiner von beiden umsonst zu haben ist.
Diese Ordnung von oben hatte ihren Frieden und ihren Fortschritt. Sie hatte auch eine Richtung. Im selben neunzehnten Jahrhundert scheiterte in Deutschland die Revolution von unten, und die Einigung kam, wie alles hier, von oben, mit Blut und Eisen. Davon, und wohin es führte, handelt die nächste Folge.
Andreas Paul John auf Substack >
Quellen und Belege
Primärquellen – Jean-Jacques Rousseau, Du contrat social (1762), Buch I, Kap. 7 — „on le forcera d’être libre” („man wird ihn zwingen, frei zu sein”) – Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785) — Pflicht als Autonomie; Über den Gemeinspruch … (1793) und Die Metaphysik der Sitten (1797) — kategorisches Verbot des aktiven Widerstands/der Revolution gegen das Staatsoberhaupt; Was ist Aufklärung? (1784) — „Freiheit der Feder”; Prolegomena (1783) — Hume habe ihn aus dem „dogmatischen Schlummer” geweckt – G. W. F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts (1820): §258 Zusatz — „Es ist der Gang Gottes in der Welt, dass der Staat ist” (der Zusatz stammt aus studentischen Vorlesungsnachschriften, nicht aus Hegels eigener Feder; die geläufige Übersetzung „Marsch Gottes durch die Welt” ist falsch); Vorrede — der „Doppelsatz”: „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig” („wirklich” als Aktualität/verwirklichte Vernunft, nicht als bloßes Vorhandensein); zum „allgemeinen Stand” der Beamten §§287–297; zur „Sittlichkeit” §§142 ff. – Friedrich List, Outlines of American Political Economy (Philadelphia 1827); Das nationale System der politischen Ökonomie (1841) – John Dewey, Democracy and Education (1916) – Horace Mann, Seventh Annual Report of the Board of Education (1843)
Sekundärliteratur und Belege – Zum kontinentalen Etatismus über Deutschland hinaus: Frankreich als ältester Motor (Ludwig XIV. / Colbert mit Staatsmanufakturen und Merkantilismus; Napoleons Präfektursystem, Code civil 1804 als gesetztes Recht von oben gegen das Common Law, Grandes Écoles / Université impériale); Habsburg (Josephinismus, „aufgeklärter Absolutismus” von oben); Russland (Leibeigenschaft bis 1861) – Zur Statisierung religiöser Einrichtungen: August Hermann Franckes pietistische Stiftungen in Halle (Waisenhaus, Schulen, Werkstätten, ab 1695/98) als von unten gewachsenes Vorbild; Friedrich Wilhelm I. und die preußisch-pietistische Allianz (Hallenser Lehrer und Feldprediger im Staatsdienst, Waisen- und Garnisonschulen nach Franckes Muster) — Payoff zu Folge 8 und 11 – Zu Rousseau gegen Locke: Gemeinwille vs. Eigentum-vor-dem-Staat (vgl. Folge 12); zur radikalen vs. gemäßigten Aufklärung (vgl. Folge 10) – Zu Kants Beugung durch Staatsgläubige (Pflicht → „Kadavergehorsam”, der Begriff selbst jesuitisch-militärischen Ursprungs) gegen Kants tatsächliche Lehre (Pflicht = Autonomie, kein Gehorsam gegen die Menschenwürde); Kants Widerstandsverbot im Gegensatz zu Lockes „Right of Revolution” (Unabhängigkeitserklärung 1776, vgl. Folge 12) und Humes pragmatischer Entzauberung des Staates (vgl. Folge 9) – Zu Hegels Staatsbegriff und seiner Doppeldeutigkeit (Rechtsstaat und Sittlichkeit einerseits, Vergöttlichung des Staates andererseits); die häufige Fehlübersetzung des §258-Zusatzes und die Missdeutung des Doppelsatzes als „Gehorsamsformel” durch konservative/nationalliberale Leser im Kaiserreich; Karl Popper, The Open Society and Its Enemies (1945) — Hegel als angeblicher Wegbereiter des Totalitarismus, von der neueren Forschung als Hegels Freiheitsphilosophie korrigiert; Hegels jugendliche Sympathie für die Französische Revolution – Zu Wilhelm von Humboldt: Reform des preußischen Bildungswesens 1809/10; Gründung der Berliner Universität 1810 (Einheit von Forschung und Lehre) als Vorbild der modernen Universität (u. a. Johns Hopkins 1876); Humboldts eigene Schrift Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staats zu bestimmen (1792) – Zur preußischen Bildungstradition (Disziplin, Fehlerkultur, Autoritätsrespekt) und zum amerikanischen Gegenmodell (Dewey, learning by doing, Frontier-Pragmatismus) — nach A. P. John, Die unmögliche Liebe (Kapitel „Humboldt gegen Dewey”) – Zu Horace Manns Preußen-Reise 1843 (Seventh Annual Report): gelobt wurden die Organisation (Schulpflicht, Lehrerseminare, Jahrgangsklassen) und die vergleichsweise milden, pestalozzischen Methoden, nicht der autoritäre Drill; Übernahme der Struktur ins US-Schulwesen — also „das System, nicht der Rohrstock” – Zu Friedrich List in den USA (1825–1832): Redakteur des Readinger Adler in Reading, Berks County, Pennsylvania; Einfluss von Hamiltons Schutzzoll-Tradition und Henry Clays „American System”; Erziehungszoll, Deutscher Zollverein 1834, Eisenbahn-Pionier – Zu Bismarcks Sozialgesetzgebung: Krankenversicherung 1883, Unfallversicherung 1884, Alters- und Invalidenversicherung 1889; Sozialistengesetz 1878; „Revolution von oben” als Herrschaftstechnik – Zur internationalen Wirkung: David Lloyd Georges Deutschlandreise 1908 und der britische National Insurance Act 1911; US-amerikanische Social Security 1935 – Ausblick: Vertreibung der Göttinger Wissenschaftselite 1933, Emigration nach Princeton/IAS — Stoff einer späteren Folge
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