Anglo-Amerika und Kontinental-Europa — Folge 10: Die Brücke nach Princeton

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Wo die Aufklärung Wurzeln fand.

1776 erklärten dreizehn Kolonien ihre Unabhängigkeit. 1789 stürmte Paris die Bastille. Beide beriefen sich auf die Aufklärung, aber auf verschiedene Stränge: Amerika auf Locke, Montesquieu und Hume, auf die Freiheit; Frankreich mehr und mehr auf Rousseau, auf die Gleichheit. Und sie endeten so verschieden, wie zwei Revolutionen nur enden können.

Die amerikanische schrieb 1787 eine Verfassung, die bis heute gilt, die älteste der Welt. Die französische drehte sich binnen vier Jahren in den Terror, dann in Napoleon, dann in ein ganzes Jahrhundert aus Putschen, Restaurationen und neuen Revolutionen. Dieselbe Epoche, entgegengesetztes Ergebnis. Warum?

Ein guter Teil der Antwort sitzt in einer Kutsche, die 1768 vor einem winzigen Kolonialcollege in New Jersey hält.

Der schottische Pfarrer in New Jersey

Der Mann in der Kutsche war ein schottischer Pfarrer, John Witherspoon, gerufen, um die kleine presbyterianische Hochschule von New Jersey zu leiten, das spätere Princeton. Er brachte die schottische Aufklärung im Reisegepäck mit, und er brachte sie in die Vorlesung.

John Witherspoon, by Rembrandt Peale. Public domain.
John Witherspoon, by Rembrandt Peale. Public domain.

Witherspoon war kein Humeaner, er lehrte die schottische Common-Sense-Philosophie, die Schule Thomas Reids, die eigens erfunden worden war, um Humes Skepsis zu widerlegen. Wo Hume zweifelte, ob die Vernunft die Welt beweisen könne, beharrte Reid darauf, dass der gesunde Menschenverstand sie längst kenne. Witherspoon stand auf Reids Seite.

Aber er trug den anderen, den bleibenden Teil der schottischen Aufklärung über den Atlantik: den nüchternen, empirischen, anti-utopischen Blick auf den Menschen und seine Einrichtungen. Jede gute Regierungsform, lehrte er, müsse komplex sein, „damit das eine Prinzip das andere in Schach hält”. Das ist ein Satz über das Misstrauen. Und Witherspoon sprach ihn nicht ins Leere. Er sprach ihn einer ganzen Generation künftiger Amerikaner; aus seinen Hörsälen kamen ein Vizepräsident, Dutzende Kongressabgeordnete, Richter und Pfarrer, und sein bester Schüler.

Madison, der Schüler

Der beste Schüler war James Madison. Er saß bei Witherspoon in Princeton, las dort die Schotten und las daheim zusätzlich Hume im Original. Als es 1787 galt, die neue amerikanische Verfassung zu verteidigen, schrieb Madison mit Hamilton und Jay die Federalist Papers, und der berühmteste, Nummer zehn, liest sich wie angewandter Hume. Hume hatte einen Essay geschrieben mit dem Titel, dass die Politik sich „zu einer Wissenschaft machen” lasse. Madison machte ernst damit.

James Madison (John Vanderlyn, 1816). Public domain.
James Madison (John Vanderlyn, 1816). Public domain.

Die Idee ist der Kern des amerikanischen Entwurfs und das genaue Gegenteil aller Schwärmerei. Man traue dem Menschen nicht. Man baue keine Republik, die tugendhafte Bürger voraussetzt, denn die gibt es nicht zuverlässig. Man baue eine Mechanik, in der Eigennutz den Eigennutz bremst, in der Macht die Macht teilt und Faktion die Faktion neutralisiert. „Wären die Menschen Engel, bräuchte es keine Regierung”, schrieb Madison. Da sie keine sind, braucht es Gewaltenteilung, Föderalismus und ein so weites Land mit so vielen Interessen, dass keines die anderen erdrückt. Eine Ordnung von unten, aber konstruiert aus dem klaren Wissen, dass der Mensch kein Engel ist.

Altes Recht, das mitwanderte

Die Amerikaner brachten etwas mit, das die französischen Revolutionäre nicht besaßen: eine ererbte Gewohnheit des Rechts und der Freiheit.

Die Kolonisten hatten das Common Law über den Atlantik getragen, dazu die „rights of Englishmen”, die Geschworenen, die kommunale Selbstverwaltung, die schlichte Übung, sich selbst zu regieren. Als sie sich 1776 erhoben, taten sie es nicht im Namen eines neuen Menschen, sondern im Namen alter Rechte, die ihnen die Krone vorenthielt. Es war, zu einem guten Teil, eine konservative Revolution: die Wiederherstellung des Ererbten, nicht der Sprung ins Unbekannte.

Niemand zeigt das schöner als Thomas Jefferson. Als der Kongress 1776 ein Staatssiegel entwerfen ließ, schlug Jefferson für die eine Seite Hengist und Horsa vor, die sächsischen Anführer aus Folge 3, „von denen abzustammen wir die Ehre beanspruchen und deren politische Grundsätze und Regierungsform wir übernommen haben”.

Thomas Jefferson (Rembrandt Peale, 1800). Public domain.
Thomas Jefferson (Rembrandt Peale, 1800). Public domain.

Jefferson glaubte allen Ernstes, das Fundament des amerikanischen Rechts stamme aus der angelsächsischen Zeit vor 1066, nicht aus der normannischen danach. Das „normannische Joch”, die Idee, die Eroberung von 1066 habe freie sächsische Freiheiten erstickt, war für ihn kein Folklore, sondern Programm. Amerika war, in diesem Selbstbild, das wahre Erbe der Insel, die ihre alten Freiheiten verraten hatte.

Hengist, from John Speed’s “Saxon Heptarchy” (1611). Public domain.
Hengist, from John Speed’s “Saxon Heptarchy” (1611). Public domain.

Ein Detail, das ein Niedersachse sofort erkennt: Die Namen der beiden bedeuten „Hengst” und „Ross”. Dasselbe sächsische Pferd, das Jefferson für Amerika beanspruchte, trabt bis heute über die Giebel niederdeutscher Bauernhäuser und im Wappen Niedersachsens und Hannovers — jenes Hannover aus Folge 8 — bis hin zum Zeichen der Raiffeisen-Genossenschaften.

A Gable, Lower Saxony
A Gable, Lower Saxony

Die Probe: 1776 und 1789

In Frankreich fehlte all das. Es gab kein Common Law, keine gewachsene Selbstverwaltung, keine „rights of Frenchmen”, auf die man sich hätte zurückziehen können; es gab den absolutistischen Staat und wenig dazwischen. Also bauten die französischen Revolutionäre nicht wieder auf, sondern von vorn. Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 ist ein großes Dokument, klar, kühn, universal, und sie schwebte über einem Land, das keine Einrichtung hatte, sie zu tragen. Was folgte, war die Suche nach dieser Einrichtung: Verfassung um Verfassung, 1791, 1793, 1795, 1799, dazwischen der Terror und am Ende ein General mit einer Krone.

Es ist die bittere Ironie dieser Geschichte, dass der Denker, der Amerikas Gewaltenteilung lieferte, selbst ein Franzose war. Montesquieu, der die englische Verfassung bewundert und das Teilen der Macht zum Prinzip erhoben hatte, wurde im Federalist öfter zitiert als fast jeder andere. Frankreich exportierte seinen besten institutionellen Kopf nach Philadelphia und wandte sich daheim Rousseau zu, der keine Macht teilen, sondern den einen, ungeteilten Willen des Volkes verkünden wollte. Aus diesem ungeteilten Willen wurde unter Robespierre die Guillotine.

After Jacques-Antoine Dassier — Collection Château de Versailles, public domain.
After Jacques-Antoine Dassier — Collection Château de Versailles, public domain.

Und es kam ein Zweites hinzu, das mit Ideen gar nichts zu tun hatte: der nackte Hunger. Frankreich war 1789 ein bankrotter Staat, ironischerweise zum Teil bankrott, weil es die amerikanische Revolution mitfinanziert hatte, während das eigene Volk hungerte. Nach Missernte und hartem Winter fraß der Brotpreis im Juli 1789 fast den ganzen Tagelohn eines Arbeiters; der Sturm auf die Bastille und der Marsch der Frauen nach Versailles im Oktober waren auch Brot-Aufstände. Die amerikanischen Kolonisten dagegen gehörten zu den wohlhabendsten, bestgenährten Menschen der Erde, Land gab es im Überfluss. Eine Revolution der Verzweifelten radikalisiert sich anders als eine der Besitzenden, die ein ererbtes Recht verteidigen.

Ein Zeitgenosse sah beides mit ungewöhnlicher Klarheit. Edmund Burke, der irische Abgeordnete im britischen Parlament, hatte sich 1775 für die amerikanischen Kolonisten eingesetzt, weil sie englische Freiheiten verteidigten. Dieselbe Französische Revolution, der halb Europa zujubelte, verurteilte er 1790 als Anmaßung: Menschen, die eine ganze Gesellschaft am Reißbrett neu entwerfen, als hätte es vor ihnen nichts gegeben. Im Großen behielt er recht.

Die amerikanische Ordnung hielt, und sie hielt so gut, dass sie zweihundertdreißig Jahre überdauerte, bis heute. Aber sie schrieb die Sklaverei in dieselbe Verfassung, die die Freiheit feierte, und schloss Frauen, Besitzlose und die Ureinwohner aus ihrem „Wir”. Die französische Erklärung sprach die Rechte universeller aus, als irgendein Amerikaner es wagte, „die Menschen”, ohne Fußnote, und bezahlte den Anspruch mit Blut und Jahrzehnten der Unordnung. Was schwerer wiegt, das Dauerhafte mit seinem Makel oder das Universale mit seinem Chaos, mag jeder Leser für sich entscheiden.

Eines aber war diese Brücke nach Britannien nicht: rein schottisch und rein presbyterianisch. Während Witherspoons Studenten in Princeton die Verfassung erdachten, baute keine hundert Meilen weiter, in den deutschen Gemeinden Pennsylvanias, ein anderer Mann eine andere Brücke. Er kam aus Halle, aus genau jener pietistischen Schule, die Preußen für seinen Staat eingespannt hatte (Folge 8) — und in Amerika, ohne Staat und ohne Fürst, wurde aus ihr etwas Neues. Wie sich dort eine Religion von unten selbst organisierte, ist die nächste Folge.

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Quellen und Belege

Primärquellen – The Federalist (1787–88), insbesondere Nr. 10 (Faktionen, die ausgedehnte Republik) und Nr. 51 („If men were angels, no government would be necessary”) — James Madison – Thomas Jefferson, Vorschlag für das Staatssiegel der Vereinigten Staaten (1776): Hengist und Horsa, „from whom we claim the honor of being descended, and whose political principles and form of government we have assumed” – David Hume, Essays — „That Politics May Be Reduced to a Science” (1741) – Montesquieu, De l’esprit des lois (1748) — Gewaltenteilung; im Federalist die meistzitierte Autorität – Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte (1789) – Edmund Burke, Speech on Conciliation with America (1775); Reflections on the Revolution in France (1790)

Sekundärliteratur und Belege – Zu Witherspoon: die schottische Common-Sense-Schule (Thomas Reid, gegen Humes Skepsis); Präsident des College of New Jersey/Princeton (1768–1794); einziger Geistlicher unter den Unterzeichnern der Unabhängigkeitserklärung; Madison als sein Schüler; „every good form of government must be complex…” – Zur Hume–Madison-Verbindung: Douglass Adair, „That Politics May Be Reduced to a Science”: David Hume, James Madison, and the Tenth Federalist (1957) – Zum „Norman Yoke” und zu Jeffersons angelsächsischer „ancient constitution” (Freiheiten vor 1066) – Zum Common Law und den „rights of Englishmen” als mitgebrachtem Erbe der Kolonien – Zur Unterscheidung von gemäßigter (Locke, Montesquieu, Hume) und radikaler (Rousseau) Aufklärung; liberté gegen égalité (vgl. Tocqueville) – Zur Subsistenz- und Finanzkrise Frankreichs 1788/89: Missernte, Brotpreis, Staatsbankrott (mitverursacht durch die Kriegshilfe für die USA); Marsch der Frauen nach Versailles (Oktober 1789)

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