Warum der Iran-Krieg für viele Deutsche persönlicher ist, als sie denken
Von Andreas Paul John

Ich war zwölf Jahre alt, als die Bilder kamen. Schwarzweiß, körnig, auf dem Röhrenfernseher meiner Eltern: Eine Million Menschen auf den Straßen von Teheran, ein Meer aus geballten Fäusten, und über allem das Gesicht eines Mannes mit schwarzem Turban und dem Blick eines alttestamentarischen Propheten. Ayatollah Khomeini, im Februar 1979 aus dem Pariser Exil zurückgekehrt, bestieg die Bühne der Weltgeschichte.
Für einen Zwölfjährigen auf einem niedersächsischen Bauernhof waren das Albtraumbilder — aber nicht, weil ich zu jung gewesen wäre, die Zusammenhänge zu verstehen. Im Gegenteil. Ich war ein Kind, das abends das ZDF-Auslandsjournal schaute, das Peter Scholl-Latour zuhörte, das mit der lutherischen Religion haderte, in der es sozialisiert wurde, und das dank einer 68er-Tante und eines konservativen Großvaters früh ein Faible für Amerika entwickelt hatte. Ich verfolgte, wie Khomeini in Paris in das Flugzeug stieg. Und ich erinnere mich an die Frage, die mich damals beschäftigte: Warum lässt man das zu? Warum lässt man diesen Mann zurückkehren?
Eine Frage, auf die ich bis heute keine befriedigende Antwort bekommen habe.
47 Jahre später — auf den Tag genau so lange, wie Pete Hegseth im Pentagon von iranischer Aggression gegen Amerika sprach — steht diese Revolution vor ihrem Ende. Und ich stelle fest: Meine Beziehung zum Iran ist in diesen Jahrzehnten weit komplizierter und persönlicher geworden, als die Bilder von 1979 vermuten ließen.
Der Feldhäcksler und der LKW-Fahrer
Irgendwann in den 2000er-Jahren kaufte ein iranischer Großbauer beim hiesigen Claas-Händler einen modernen Feldhäcksler. Die Maschinen kosten ein paar hunderttausend Euro — kein Alltagsgeschäft, auch nicht für einen norddeutschen Landmaschinenhändler. Das Problem war die Logistik: Die Maschine musste in den Iran, und der Fahrer kam mit einem Planen-LKW.
Also zerlegte der Händler den Häcksler in Einzelteile, damit alles unter die Plane passte. Der iranische Fahrer übernachtete tagelang in seinem LKW — höflich, aber bestimmt lehnte er die Einladung ab, im Gebäude des Händlers zu schlafen. Vielleicht Höflichkeit, vielleicht Gewohnheit, vielleicht wollte er seine Fracht bewachen, so wie er es kannte.
Ein paar Monate später bekam der Händler ein Video aus dem Iran. Der Feldhäcksler war wieder zusammengebaut und fuhr durch die Maisernte. Deutsche Ingenieurskunst auf iranischem Boden. Eine Szene, die so typisch ist für die deutsch-iranische Beziehung: keine Diplomatie, keine große Geste, sondern eine stille, praktische Verbindung über Tausende Kilometer.
Oder mein Freund, der Ende der 1970er noch unter dem Schah durch den Iran reiste. Langhaarig, zumeist mit freiem Oberkörper — was auch damals nicht überall im Iran gut ankam, aber möglich war. Unter den Mullahs undenkbar.
Oder meine Schwester: Als Zahntechnikerin angestellt in einem Labor, das einem Exiliraner gehört. Als auf meinem Hof ein polnischer Subunternehmer ohne Krankenversicherung einen entzündeten Zahn hatte, vermittelte der iranische Chef einen Zahnarzt, der für bar behandelte. Pragmatisch, menschlich, unbürokratisch. Und als meine Mutter starb, war der prächtigste Kranz der vom iranischen Arbeitgeber meiner Schwester.
Als Deutscher hat man mehr Beziehung zu diesem Land, als man zunächst annehmen könnte.
Tiefer als die meisten ahnen
Das ist kein Zufall. Die deutsch-iranische Beziehung hat eine Geschichte, die weit über hundert Jahre zurückreicht und die in ihrer Tiefe erstaunlich ist. Der Qantara-Journalist Ali Sadrzadeh beschreibt sie als eine „rätselhafte Liebesbeziehung, die jeden Krieg, jeden Umbruch, jede Revolution überdauert“.
Der Schlüssel liegt darin, dass Deutschland im Iran nie als Kolonialmacht auftrat. Während britische und russische Truppen das Land besetzten und unter sich aufteilten, kamen die Deutschen mit Ingenieuren, Ärzten und Professoren. Wilhelm Waßmuß, ein niedersächsischer Bauernsohn und Diplomat, wurde 1914 zum „deutschen Lawrence von Arabien“ — aber nicht, weil er einen Dschihad anzettelte, wie das Klischee behauptet, sondern weil er sich einer antikolonialen Erhebung gegen die britischen Besatzer anschloss.
Die transiranische Eisenbahn, zwischen 1927 und 1938 gebaut, war ein deutsches Gemeinschaftsprojekt von Julius Berger über Philipp Holzmann bis Siemens. Deutsche Ärzte und Professoren halfen bei der Gründung der Universität Teheran. Reza Schah, der Modernisierer, der aus dem Iran eine säkulare Nation nach dem Vorbild Atatürks formen wollte, bevorzugte bei allen Projekten die Deutschen.
Das Ergebnis: Eine Verbindung, die kulturell und wirtschaftlich tiefer ging als die jeder anderen ausländischen Macht — subtil, nachhaltig und genau deshalb so dauerhaft.
Die dunkle Seite
Aber Deutschland exportierte nicht nur Eisenbahnen und Universitäten. Es exportierte auch den Antisemitismus.
Der Qantara-Artikel erwähnt es als Fußnote, aber es verdient einen eigenen Absatz: Über dem Teheraner Hauptbahnhof, den deutsche Ingenieure gebaut hatten, hing bis vor nicht allzu langer Zeit ein Hakenkreuz. Es gab einen Stadtteil in Teheran, der „Nazi-Abad“ hieß. Die Nazi-Propaganda fiel im Iran — wie in der gesamten islamischen Welt — auf fruchtbaren Boden, und die Früchte sind bis heute unsäglich.
Der Großmufti von Jerusalem, Haj Amin al-Husseini, traf Hitler 1941 persönlich in Berlin. Er kontrollierte von dort aus arabischsprachige Radiosender, die täglich antisemitische Propaganda in den gesamten Nahen Osten sendeten. Er rekrutierte Muslime für die Waffen-SS, er sprach zu den Imamen bosnischer SS-Divisionen, er rief 1944 die Araber auf: „Tötet die Juden, wo immer Ihr sie findet.“ Nach dem Krieg floh er unbehelligt nach Ägypten, wo die Muslimbruderschaft ihn als Helden empfing. Er wurde zum Mentor Yassir Arafats. Die „Protokolle der Weisen von Zion“, von deutschen NS-Kollaborateuren ins Arabische übersetzt, fanden Eingang in die Hamas-Charta.
Die Linie ist direkt: Von den deutschen Ingenieuren am Teheraner Bahnhof über die Nazi-Propaganda im Sender Zeesen zu den Schlachtrufen der Hamas am 7. Oktober 2023. Deutschland hat beides in diese Region gebracht — das Beste seiner Ingenieurskunst und das Schlimmste seiner Ideologie. Wer die deutsch-iranische Beziehung feiert, ohne diese dunkle Seite zu benennen, betreibt Geschichtsklitterung.
Es ist diese doppelte Erbschaft, die jede deutsche Stellungnahme zum Iran so kompliziert und so notwendig macht.
Die 68er und die Mullahs
Dann kam 1979. Und dann kam etwas, das in seiner politischen Absurdität schwer zu überbieten ist.
Die Generation, die 1967 auf den Berliner Straßen gegen den Schah demonstriert hatte — die Benno-Ohnesorg-Generation, die Rudi-Dutschke-Generation —, diese Generation fand sich Jahrzehnte später in den höchsten Ämtern der Bundesrepublik wieder. Und sie brachte eine merkwürdige moralische Blindheit mit.
Frank-Walter Steinmeier, Bundespräsident, Kind der 68er-Nachfolge, verschickte 2019 ein Glückwunschtelegramm an Teheran — „herzliche Glückwünsche“ zum 40. Jahrestag der Islamischen Revolution, „auch im Namen meiner Landsleute“. Human Rights Watch zeigte sich schockiert. Der FDP-Außenexperte sprach von einer „schallenden Ohrfeige“ für Israel. Das Bundespräsidialamt verteidigte es als „jahrelange Staatspraxis“.
Jahrelange Staatspraxis. Man gratuliert also routinemäßig einem Regime, das die eigene Bevölkerung abschlachtet, Frauen wegen eines nicht korrekt sitzenden Kopftuchs verhaftet, Homosexuelle hinrichtet und den Terror in den gesamten Nahen Osten exportiert. Weil es eben Staatspraxis ist.
Hier zeigt sich eine Tradition, die von Merkels Iran-Politik bis zu Steinmeiers Telegramm reicht: die systematische Verharmlosung eines Regimes, das — um es mit den Worten des Apollo-News-Kommentators zu sagen — vom Verrücktheitsgrad her auf dem Level des Islamischen Staates operiert. Ein apokalyptischer Gottesstaat, eine Endzeitsekte mit nuklearen Ambitionen.
Was die ARD daraus machte
Und dann ist da die Berichterstattung. Die ARD, größte öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt der Welt, finanziert mit Milliarden aus unseren Rundfunkbeiträgen.
Sarah Maria Sander, eine Berliner Schauspielerin, ausgebildet an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, ehemals im Ensemble der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, hat in einer minutiösen Video-Analyse die Berichterstattung von Sophie von der Tann untersucht — dem prägenden Gesicht der ARD-Nahost-Berichterstattung seit dem 7. Oktober 2023. Sander, die seit dem Hamas-Angriff als freie Journalistin aus Israel berichtet und gegen Desinformation kämpft, zahlt dafür einen konkreten Preis: Anfang 2026 verlor sie eine vertraglich zugesagte Hauptrolle in einem deutschen Kinofilm, weil ihre pro-israelische Haltung dem Produktionsumfeld „schadete“. Mehrere Schauspieler und Agenturen lehnten eine Zusammenarbeit ab. Ihr Anwalt erwirkte eine einstweilige Verfügung.
Das ist das kulturelle Klima in Deutschland im Jahr 2026: Eine Schauspielerin, die sich für Israel einsetzt, wird aus der deutschen Filmbranche gedrängt. Aber eine ARD-Korrespondentin, die systematisch das Hamas-Narrativ reproduziert, wird nicht einmal kritisch befragt.
Was Sander dokumentiert, ist ein Muster: systematisches Framing zugunsten der palästinensischen Seite, Reproduktion von Hamas-Zahlen als Tatsachen bei gleichzeitigem Anzweifeln israelischer Angaben, emotionale Aufladung des Leids in Gaza bei gleichzeitiger Ausblendung der Geiseln und Opfer des 7. Oktober.
Ein besonders bezeichnendes Detail: Als die Bibas-Kinder — Kleinkinder, die von der Hamas entführt und in einer perversen Inszenierung vorgeführt wurden — nach Israel zurückkehrten, postete von der Tann kein Bild, keinen Namen, keine Geschichte. Am nächsten Tag berichtete sie wieder aus dem Westjordanland über israelische Siedlungspolitik.
Bei Maischberger, zum Jahrestag des 7. Oktober, saß von der Tann neben Aviva Siegel — einer befreiten Geisel, die unter Tränen berichtete, wie eine junge Frau von Hamas-Terroristen vergewaltigt wurde. Kein Moment des Innehaltens, kein Entsetzen, keine Nachfrage. Stattdessen erklärte von der Tann, die israelische Regierung nehme die Geiseln nicht ernst genug.
Das ist der Kontext, vor dem man ein Bild begreifen muss, das dieser Tage aus Berlin kommt: Iraner, Deutsche und Israelis, die gemeinsam vor dem ARD-Hauptstadtstudio demonstrieren. Israelische Flaggen neben iranischen Löwenfahnen neben deutschen Farben. Sie feiern den Angriff auf das Mullah-Regime — und sie stehen genau dort, weil sie wissen, dass die Berichterstattung aus diesem Gebäude dem nicht gerecht wird, was gerade geschieht.
Operation Epic Fury
Was geschieht, ist Folgendes: Am 28. Februar 2026, um 01:15 Uhr US-Ostküstenzeit — 07:15 Uhr morgens in Deutschland —, begann das US-Militär unter dem Befehl von Präsident Trump die „Operation Epic Fury“. Verteidigungsminister Pete Hegseth nannte sie die „tödlichste, komplexeste und präziseste Luftoperation der Geschichte“. Über tausend Ziele in den ersten 24 Stunden. Zerstörung der iranischen Raketenindustrie, der Marine, der nuklearen Infrastruktur.
Israel operiert parallel mit hunderten eigenen Einsätzen. Ali Chamenei, der Oberste Führer, ist nach Berichten tot. Die Revolutionsgarden sind dezimiert. Und auf den Straßen Teherans jubeln Menschen.
Trumps Rede war bemerkenswert in ihrer Klarheit: 47 Jahre iranische Aggression — von der Geiselnahme in der US-Botschaft 1979 über den Bombenanschlag auf die Marinekaserne in Beirut bis zum 7. Oktober 2023, als die vom Iran finanzierte Hamas über tausend Menschen abschlachtete. „Wenn Sie Amerikaner töten“, sagte Trump, „werden wir Sie ohne Entschuldigung und ohne Zögern jagen.“
An das iranische Volk gewandt: „Die Stunde eurer Freiheit ist gekommen.“
Merz und die Zeitenwende
Was dann aus Deutschland kam, war — zum ersten Mal seit sehr langer Zeit — bemerkenswert.
Friedrich Merz, Bundeskanzler, fand klare Worte. Das Mullah-Regime sei ein „Terrorregime“, verantwortlich für jahrzehntelange Unterdrückung. Die Bundesregierung teile „die Erleichterung vieler Iranerinnen und Iraner, dass dieses Mullah-Regime jetzt an sein Ende kommt“. Kein Moment, Partner und Verbündete zu belehren. Ein gemeinsames Statement mit Macron und Netanyahu, das sogar „verhältnismäßige militärische Defensivmaßnahmen“ zur Zerstörung iranischer Raketen- und Drohnenfähigkeiten einschloss.
Lindsey Graham reagierte aus Washington: „Willkommen. Ich freue mich sehr zu hören, dass Frankreich, Deutschland und Großbritannien sich dem Kampf gegen das iranische Terrorregime anschließen werden.“
Das Apollo-News-Team hat recht, wenn es analysiert: Solche Sätze wären unter Angela Merkel oder Olaf Scholz undenkbar gewesen. Es ist ein fundamentales Umdenken — weg von der „wertegeleiteten Blabla-Außenpolitik“, die über Jahrzehnte immer mit dem Völkerrecht kam und dabei wenig veränderte, hin zu einer realistischeren Außenpolitik, die auch nicht davor zurückschreckt, sich auf die richtige Seite zu stellen.
Dass ausgerechnet die AfD in dieser Situation ein Statement veröffentlichte, das sich inhaltlich an die Worte von Annalena Baerbock anschloss — „Das Völkerrecht sowie das humanitäre Völkerrecht müssen uneingeschränkt eingehalten werden“ — gehört zu den politischen Kuriositäten dieser Tage. Wie Apollo richtig bemerkt: Es gibt keinen größeren Destabilisierungsfaktor im Nahen Osten als das iranische Regime. Saudi-Arabien, die Emirate, Jordanien — alle hoffen auf dessen Sturz.
Die Frage, die bleibt
Wenn man all das zusammennimmt — die Kindheitsbilder von 1979, den Feldhäcksler-Fahrer im LKW, den Kranz meines iranischen „Schwagers“, Steinmeiers Gratulation an die Mullahs, die ARD-Berichterstattung, die jubelnden Iraner vor dem ARD-Studio, Trumps „Epic Fury“, Merz‘ Zeitenwende —, dann wird etwas sichtbar, das über die Tagespolitik hinausgeht.
Deutschland hat eine besondere Beziehung zum Iran. Nicht die eines Kolonialherrn, nicht die eines Feindes, sondern die eines Landes, das dort präsent war, als es darauf ankam: mit Eisenbahnen, Universitäten, Maschinen und Ideen. Diese Beziehung verpflichtet — nicht zur Neutralität, sondern zur Klarheit.
Denn die moralische Frage ist einfacher, als manche sie machen wollen. Das Völkerrecht, auf das sich Baerbock und — überraschend — die AfD berufen, wird seit Jahrzehnten durch das Vetorecht Russlands und Chinas im UN-Sicherheitsrat ausgehebelt. Es gibt keine rechtliche Grundlage, gegen ein Regime vorzugehen, das den gesamten Nahen Osten terrorisiert, die eigene Bevölkerung abschlachtet und eine Atombombe bauen will — weil diese Grundlage systematisch blockiert wird.
Was bleibt, ist die eigene Urteilsfähigkeit. Friedrich Merz hat sie in dieser Situation gezeigt. Das war nicht selbstverständlich, und es sollte anerkannt werden.
Wenn das Mullah-Regime fällt — und vieles deutet darauf hin —, dann wäre das, wie Apollo es formuliert, der größte weltpolitische Erfolg seit dem Fall der Berliner Mauer. 90 Millionen Iraner befreit von einer Endzeitsekte. Der Jemen-Krieg beendet. Syrien und der Libanon befriedet. Sicherheit bei der Öl- und Gasversorgung. Die Seestraßen wieder frei.
Es wäre im vitalsten deutschen Interesse.
Und der iranische Landwirt? Vielleicht kann er seinen nächsten Feldhäcksler dann ganz normal bestellen. Ohne Planen-LKW. Ohne tagelang im Führerhaus zu schlafen. Einfach so.
Andreas Paul John ist Landwirt, Bauingenieur und Autor.
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